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Post-Streik:Tausende Briefe bleiben liegen

Die Gewerkschaft Verdi mobilisiert die Mitarbeiter im Verteilzentrum in Schorn zum umfassendsten Ausstand seit 20 Jahren. Die Post setzt dort Beamte und Verwaltungsangestellte ein, um die Auswirkungen des Arbeitskampfes abzumildern

"Einfach immer überall", lautet ein Werbe-Slogan von DHL-Paketzustellern. Das Versprechen ist in dieser Woche kaum einzuhalten, denn viele Fahrer in der Starnberger Region werden streiken. Auch Briefträger werden nicht mehr ihre Post austragen. Das kündigte die Gewerkschaft Verdi am Dienstag an, um den Druck auf den Arbeitgeber zu erhöhen. Das Briefzentrum in Schorn wird seit Montagnachmittag bestreikt. Dort werden sonst täglich bis zu 1,5 Millionen Briefe für das Gebiet zwischen Fürstenfeldbruck und Garmisch-Partenkirchen sortiert.

Der Arbeitgeber wollten die "Strukturen der Post AG über neu gegründete Gesellschaften zerschlagen und Dumpinglöhne einführen", kritisiert Matthias Knüttel, Verdi-Gewerkschaftssekretär für Postdienste im Großraum München. Es gehe darum, den Haustarif zu sichern. Mitarbeiter der Post sollten nicht nach den schlechteren, in der Speditions- und Logistikbranche üblichen Tarifen bezahlt werden, fordert der Gewerkschafter.

In Schorn fürchten viele der etwa 200 Mitarbeiter, dass ihr Briefzentrum in eine GmbH umgewandelt wird und somit auch der Betriebsrat geschwächt wird. Das berichtet Christine Steinhart, die als Streikleiterin vor dem Werkstor ihren Posten bezogen hat. Neben ihr sitzt Rosalie Kirner und schwenkt eine rote Verdi-Fahne. Sie klagt über den zunehmenden Arbeits- und Zeitdruck, bei dem die "Maschinen das Tempo vorgeben". Das sei schon eine "verdeckte Akkordarbeit". Zu ihrer Schicht waren ihren Angaben zufolge nur drei statt zwölf Personen erschienen: ein Student und zwei Zeitarbeiter.

Schorn Post Briefzentrum

Streikleiterin Christine Steinhart (links) gibt sich kämpferisch. Ebenso Mitarbeiter, die im Briefzentrum ihre Arbeitsbedingungen verbessern wollen.

(Foto: Georgine Treybal)

Verdi-Aktivistin Steinhart ist recht zufrieden. In Schorn laufe der größte Streik seit 1993, Dreiviertel der Belegschaft hätten die Arbeit niedergelegt. Es gebe aber auch einige Streikbrecher, bedauert Steinhart und berichtet, dass in der Nacht zum Dienstag zehn Leiharbeiter nach Schorn gekommen seien. Außerdem versuche die Post, die Folgen des Streiks abzumildern, indem sie große Mengen von Briefen über ein Notprogramm ohne Feinsortierung laufen lässt. Aber viele Maschinen würden still stehen.

Dennoch blieben nur elf Prozent der Sendungen liegen, berichtet Post-Sprecher Dieter Nawrath. Das Unternehmen habe entsprechend auf den Streik reagiert und setze Beamte, "Ersatzpersonal" aus der Verwaltung und auch "externe Dienstleister" ein. Das geschehe aber alles im gesetzlichen Rahmen, betont der Postsprecher. Die von Verdi angedrohten unbefristeten Streiks hält Nawrath für "unverhältnismäßig". Man brauche in dem Unternehmen eine "neue Lohnstruktur, um wettbewerbsfähig zu bleiben" und den Anforderungen der Kunden gerecht zu werden. Das sei aber "keine Tarifflucht", beteuert Nawrath und führt auch an, dass die Post AG weiterhin gesprächsbereit sei.

Schorn Briefzentrum

Wo sonst gelbe Kisten über die Transportbänder rattern, herrscht in diesen Tagen Stillstand.

(Foto: Georgine Treybal)

In den nächsten Tagen werden die Folgen des Streiks noch mehr Auswirkungen haben, wenn die Paketzusteller und Briefträger in Starnberg ebenfalls die Arbeit niederlegen. Das würden zehntausende Empfänger in der Kreisstadt und in den Gemeinden Berg, Pöcking und Feldafing zu spüren bekommen.

Kunden, die am Dienstag die Starnberger Postfiliale betraten, zeigen dennoch Verständnis für den Arbeitskampf der Postler. Wenn eine bessere Bezahlung erreicht werde, sei das in Ordnung, findet eine Frau. "Aber ein unbefristeter Streik ist für mich nicht nachvollziehbar", sagt ein Großhandelskaufmann. Ein Gymnasiallehrer meint, dass die Mitarbeiter so viel verdienen sollten, um genügend für ihren Lebensunterhalt zu haben. Anderseits treffe so ein Streik die "Falschen", zum Beispiel jene, die dringend Post für ein wichtiges Bankgeschäft erwarten, glaubt der Lehrer.

© SZ vom 10.06.2015
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