Süddeutsche Zeitung

Porträt:Spaß am Dichten

Die 15-Jährige Anna Münkel darf als jüngste Poetin bei der Premiere von Anton G. Leitners diesjährigen Zeitschrift "Das Gedicht" zwei ihrer Werke im Münchner Literaturhaus vortragen.

Von Antonia Gaube, Inning

"Wenn jemand das Bedürfnis hat, ein Lied oder Gedicht aufzuschreiben, dann soll er's einfach tun", rät Anna Münkel. Die 15-Jährige schreibt seit ihrem zehnten Lebensjahr Gedichte und wurde nun vom Schriftsteller und Verleger Anton G. Leitner aus Weßling als jüngste Poetin eingeladen, ihre Gedichte "Fallobst" und "Sonnenschein grün blau" im Münchner Literaturhaus vorzutragen. In Leitners Jahresschrift "Das Gedicht" sind sie bereits abgedruckt. Heuer geht es dort alles um das Thema "Der Heimat auf den Versen". Bei der Premiere tragen 30 der 100 Poeten, die ihre Werke in der Zeitschrift veröffentlicht haben, ihre Gedichte vor. Anna Münkel ist unter ihnen. Nervös ist sie nicht, sagt sie. Ihr helfe, dass sie von klein auf in der Schule gelernt habe, vor vielen Menschen zu sprechen. Und wenn sie ihren roten "Künstlerhut" aufhat, fühlt sie sich sicher. Deshalb hat sie darauf bestanden, ihn tragen zu dürfen.

Anna geht auf die Montessori Schule Inning. Dort habe sie nicht nur gelernt, selbständig zu arbeiten, sondern auch kreativ zu sein, erzählt die Schülerin. In der dritten Klasse habe ihre Lehrerin ihre Lust am Dichten geweckt. Zunächst besprach sie im Unterricht ein Gedicht über den Herbst, dann ermunterte sie die Schüler, selbst welche zu schreiben. Und so entstand Annas erstes Werk: "Wintergedicht". Aus einem sind mittlerweile mehr als 50 Gedichte geworden. In der achten Klasse ist es an Montessorischulen üblich, innerhalb von drei Monaten eine große Projektarbeit zu machen. Die Schülerin nutzte die Gelegenheit, um einen Gedichtband zu veröffentlichen. Den Erlös des Buches "Dein Gedicht" behielt die damals Zwölfjährige nicht für sich, sondern ermöglichte syrischen Flüchtlingskindern, die damals mit ihren Familien in Grafrath wohnten, einen unbeschwerten Ausflug in den Tierpark. "Die kannten ja so etwas wie einen Zoo nicht", erzählt Anna. Von dem übrigen Geld wurde ein klinisches Gerät in einem Krankenhaus in Syrien gesponsort.

Das zweite Buch der Jungpoetin hat den Titel "Namen" und wurde vom Bauer-Verlag publiziert, nachdem sie dort ein Schülerpraktikum gemacht hatte. Benannt hat sie ihren zweiten Gedichtband nach ihrem längsten Werk, welches über acht Seiten lang verschiedene Mädchen- und Jungennamen aufnimmt und mit Erlebnissen, Alltagsweisheiten und Persönlichem verbindet.

Ein klassisches Vorbild hat Anna nicht. Sie findet es vielmehr wichtig, einen ganz eigenen Stil zu haben. Aber die Gedichte von Heinrich Heine und Wilhelm Busch mag sie sehr. Anna spielt auch leidenschaftlich gerne Klavier. Sie komponiert selbst oder wandelt gelegentlich ihre Gedichte in Lieder um. Wer jetzt denkt, Anna sitzt den ganzen Tag nur am Schreibtisch oder Klavier, der irrt: Sie spielt auch gern mit ihren beiden Hunden draußen in der Natur, segelt, radelt oder fährt Ski.

Meistens inspirieren alltägliche Situationen Anna zu neuen Gedichten. Beispielsweise "Fallobst", das vom Streit um einen Apfel am Gartenzaun handelt. Genau an diesem Gedicht ist Leitner, der ein Bekannter von Annas Mutter ist, hängengeblieben, als er in ihrem ersten Buch "Dein Gedicht" blätterte.

Er lud Anna als jüngste Poetin zu seiner Veranstaltung ins Literaturhaus ein, um mit ihr gemeinsam auf der Bühne zu stehen. So will er zeigen, wie breit Heimatdichtung thematisch auseinander liegen kann: Vom banalen Streit um einen Apfel bis hin zum Schicksal einer Frau, die im Konzentrationslager war und später vor allem deshalb von der Dorfgemeinschaft stigmatisiert wurde. "Zuerst wollte meine Mutter gar nicht, dass das Gedicht mit dem Apfel in mein Buch kommt, weil es ihr nicht besonders erschien. Vielleicht wäre dann jetzt alles ganz anders gekommen", stellt Anna fest.

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Quelle:
SZ vom 25.10.2016
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