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Porträt:Der Überflieger

Entweder nichts oder Vollgas lautet die Devise von Bernhard Siegel. Der Weßlinger arbeitet als Pilot, gibt Konzerte als Pianist und tobt sich zwischendurch auf dem Tennisplatz aus. Er spricht Französisch, Spanisch und Englisch - und Wettkönig war er auch

Es gibt Musiker, die abends in Konzerten abheben, er macht's auch vormittags. Ein typischer Tag im Leben des klassischen Pianisten und Lufthansa-Piloten Bernhard Siegel aus Gilching sieht so aus: aufstehen gegen vier Uhr, Fahrt zum Airport in Stuttgart. Danach Kurz- oder Mittelstreckenflug nach Lissabon, Berlin, Montenegro oder auf die Kanaren mit dem Airbus A 320. Am späten Nachmittag geht's für zwei Stunden auf den Tennisplatz, abends sitzt Siegel am Klavier und übt, beispielsweise für seinen Auftritt an diesem Samstag in seiner Heimatgemeinde. Der 30-Jährige, der vormals in "Wetten dass" als Kandidat des Schauspielers Denzel Washington aufgetreten und mit seinem absoluten Gehör Wettkönig geworden war, sagt es so: "Das Leben wäre nur halb ausgefüllt, wenn ich nur fliegen oder nur Klavier spielen würde."

Bernhard Siegel, Gilching

Bernhard Siegel, einer für alles: Als Pianist versteht er sich auf Chopin und Rachmaninow.

(Foto: Privat)

Sonst noch was? Ja, der Alleskönner Siegel, der inzwischen in Weßling lebt und seines Berufs wegen noch eine Wohnung in Stuttgart hat, ist auch Drummer. Er spielte einst im Seefelder Swingin' Jazz Ensemble mit und studierte an der Musikhochschule München Schlagzeug, bevor er sich aufs Piano stürzte. Außerdem würde er gerne noch eine Fremdsprache lernen wie Chinesisch, "das fände ich interessant". Siegel spricht Französisch, Spanisch und Englisch, er kann sich auch auf Ungarisch verständigen. Und er ist ein ehrgeiziger Sportler. Früher spielte er Fußball, Volleyball und Tischtennis im Verein, vor fünf Jahren entdeckte er Tennis, und das ist "mehr als ein Ausgleichssport für mich". Siegel, ein großer Fan des Argentiniers Juan Martín del Potro, ist immerhin schon in der Herren-30-Mannschaft des Clubs TC Bernhausen bei Stuttgart gelandet, der als Talentschmiede gilt. Seine beidhändige Rückhand und sein Aufschlag halten noch nicht mit der Präzision und Feinfühligkeit mit, die er als Pianist erreicht hat. Aber das kann noch werden. Seine Devise: "Entweder nichts - oder Vollgas."

Als Tennisspieler hat sich Siegel schon in die erste Mannschaft der Herren vorgekämpft.

(Foto: Privat)

Viele Musiker und Schauspieler haben den Pilotenschein und schweben im Privatjet über den Wolken. Aber es dürfte kaum einen zweiten ausgebildeten Pianisten geben, der als First Officer Verkehrsflugzeuge mit 150 bis 200 Passagieren steuert. Trotzdem hat Siegel die Bodenhaftung behalten. Arroganz ist ihm fremd, er würde sich selbst auch nicht als Alleskönner oder Überflieger bezeichnen. Seine Vielseitigkeit hat ihre Gründe: Er kommt aus einer hochmusikalischen Familie, sein Vater Roland ist Leiter der Gilchinger Musikschule, seine Mutter Miriam Kirchenmusikerin der evangelisch-lutherischen Gemeinde. Mit fünf Jahren bekam er Klavierunterricht, trat bald öffentlich auf. In der Pubertät kam noch das Schlagzeug als Instrument dazu. Und die Fliegerei zog dann den Jugendlichen Bernhard Siegel in ihren Bann. In Oberpfaffenhofen machte er mit 16 oder 17 den Segelflugschein. Als es an die Berufswahl ging, entschied sich der Gilchinger dafür, erst mal zum Pilotentest anzutreten. Ein Klavierstudium erschien ihm damals als zu große Herausforderung, "ich wusste, dass das wahnsinnig hart ist".

Seine Arbeit als Pilot verrichtet Siegel momentan in Teilzeit für Germanwings und steuert Maschinen wie den Airbus A 320.

(Foto: Privat)

Mehr als 5000 Bewerber schlugen beim Test auf, nur etwa vier Prozent kamen durch, Siegel war unter ihnen. Und weil es zwischen den Ausbildungsblöcken in Bremen und Phoenix in Arizona Wartezeiten von bis zu einem Jahr gab, kam er 2011 auf die Idee, sich für die Schlagzeug-Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule München anzumelden. "Ich habe gemerkt: Ich will etwas mit Musik machen, denn der kreative Teil wird im Pilotenberuf nicht abgedeckt." Zwei Semester lang studierte er parallel Schlagzeug, 2012 sattelte er um und besann sich aufs Klavier, sein Professor bestärkte ihn darin. Den Pilotenvertrag bekam er 2014, derzeit arbeitet er für die Lufthansa-Tochter Germanwings. Und sein Klavierstudium schloss er 2018 bei Olaf Dressler ab. Seitdem ist Siegel als freischaffender Pianist, "Pauker", wie er sich als Drummer nennt, und Verkehrspilot in Teilzeit unterwegs. Seine Konzerte organisiert er in Eigenregie, um die Termine besser koordinieren zu können. Sein bisher wohl wichtigster Auftritt: Im Vorjahr eröffnete er die Lange Nacht der Musik in der Philharmonie im Gasteig München mit Beethovens 5. Klavierkonzert. Für sein Rezital in Gilching hat sich Siegel ein anspruchsvolles Programm ausgesucht: Musik von Mozart (Sonate B-Dur KV 333), Skrjabin (sechs Preludes op. 11), Chopin (Fantaisie Impromptu und die Ballade Nr. 1 in g-Moll op. 23) und Rachmaninow (der erste Satz aus der Sonate Nr. 1 in d-Moll op. 28).

Als er 2013 als Kandidat bei "Wetten dass" auftrat und mit seinem feinen absoluten Gehör das Gewicht von Wasser in Flaschen bestimmte, sahen ihm neun Millionen Leute am Fernseher zu. Bei Konzerten kommen oft nur ein paar Hundert, sagt er. Trotzdem: "Für mich ist es wichtig, dass ich nicht als Flaschengeist, sondern als Pianist wahrgenommen werde."

Der Pianist Bernhard Siegel spielt am Samstag, 9. Februar, in der Aula des Christoph-Probst-Gymnasiums Gilching. Das Konzert beginnt um 19 Uhr, der Eintritt ist frei.