bedeckt München 17°

Politischer Aschermittwoch:Schmähungen und Lobeshymnen

Hofft bei den Wahlen im Herbst auf ein Bundestagsmandat: Carmen Wegge beim ersten virtuellen "Politischen Aschermittwoch" der Starnberger SPD.

(Foto: YouTube)

Die Starnberger Kreis-SPD lässt sich den traditionellen Schlagabtausch nicht vermiesen und lädt zum digitalen Austeilen ein. Carmen Wegge, die für die SPD in den Bundestag will, und Florian von Brunn, der den Landesvorsitz anstrebt, geben ihr Bestes. Und alle machen sich Mut

Von Peter Haacke, Starnberg

Geradezu trotzig klang die Einladung der Starnberger SPD, die Kreisvorsitzende Julia Ney per E-Mail an die Genossen versandt hatte: "Unseren Aschermittwoch lassen wir uns auch von Viren und deren Mutanten nicht verderben", hieß es da - auch wenn die launige Veranstaltung nun virtuell und nicht, wie früher, im anheimelnden Ambiente des königlichen Theatersaals von Leutstetten stattfand. Immerhin knapp 40 Teilnehmer versammelten sich trotz vereinzelter Widrigkeiten beim Einloggen vorm heimischen Computer. Im Fokus: SPD-Bundestagskandidatin Carmen Wegge und Florian von Brunn, Bewerber um den Landesvorsitz.

Ney, die vor der virtuellen Premiere des politischen Kehraus bei der SPD leicht angespannt wirkte, war am Ende der Veranstaltung jedenfalls froh, dass sich "der gesamte Landkreis virtuell versammelt" habe. Aufgelockert von Gitarrist Erik Berthold, der unter Klavierbegleitung leicht schräg klingende Evergreens zum Besten gab - von "Rhinestone Cowboy" bis hin zu einem Shanty, hierzulande als "An der Nordseeküste" (Klaus und Klaus) bekannt - machten sich die Zuhörer vor den anstehenden Wahlen gegenseitig Mut.

Zum Einstieg brannte Carmen Wegge, seit 2013 SPD-Mitglied und seit zwei Monaten Mutter, mit geradezu jugendlichem Elan ein 15-minütiges Feuerwerk ab: "Für mich ist es das Jahr der ersten Male", gestand die 30-jährige Juristin aus Olching, die für den Wahlkreis 224 (Starnberg, Landsberg, Germering) im Herbst für die SPD in den Bundestag einziehen möchte. Sie arbeitete sich in bester Poetry-Slam-Manier an der Frage "Wer wird unser Endgegner sein?" ab, beließ es aber in atemberaubendem Stakkato bei den CSU-Galionsfiguren: Söder, Scheuer und Seehofer lieferten Wegge reichlich Munition für Kritik an Umwelt- und Klimapolitik, Verkehr und Maut, Asylpolitik und Abschiebungen, Polizei und Rassismus. Auch Michael Kießling, heimischer CSU-Stimmkreisabgeordneter, bekam sein Fett ab: "Man weiß nicht genau, was er im Umweltausschuss macht. Aber er bringt Söder dazu, Bäume zu umarmen." Für Wegge ist klar: Mehr Schein als Sein bei der CSU, "es gibt sehr viel zu verändern". Unvermeidlich in klassischer Tradition von Aschermittwochsreden folgte den Schmähungen des politischen Gegners das Hohelied auf eigene Erfolge: Grundrente, Kinder- und Insolvenzrechte, Verbot von Werkverträgen in Fleisch verarbeitenden Betrieben, Lieferkettengesetz, Chancengleichheit - "und wir haben die Schwarze Null überwunden". Ob der Hinweis darauf, dass die SPD auch "eine feministische Bewegung" sei, auf ihrem Weg nach Berlin hilfreich ist, wird sich bei den Nominierungsveranstaltungen noch weisen: Erfahrungsgemäß ist für ein SPD-Bundestagsmandat der Listenplatz entscheidend.

Selbstironie und Leidensfähigkeit sind schon seit Jahren Tugenden, über die im Besonderen wohl auch ein bayerischer SPD-Chef verfügen muss. Florian von Brunn, in den 1990er Jahren Ortsvorsitzender der SPD in Berg, will es in einer Doppelspitze gemeinsam mit Ronja Endres dennoch versuchen. "Er ist eigentlich einer von uns", sagte Ney, "und geht keiner Diskussion aus dem Weg." Der IT-Berater ist seit 2013 Landtagsabgeordneter und hofft, den steten Sinkflug der SPD zu bremsen. Er richtete in seiner kämpferisch anmutenden Rede den Blick nicht nur auf Bayerns Landesregierung, sondern auch auf den linken Rand des Parteienspektrums: "Was ist eigentlich bei den Grünen los?", fragte Brunn - und lieferte kurz darauf die Antwort: "Die Grünen werden immer mehr zum Wasserträger der CSU." Sollte Söder womöglich zum Kanzler gewählt werden, hätte dies immerhin einen Vorteil: "Wir wären ihn los." Der geballten Kritik an Söder, Aiwanger und Seehofer angesichts des Versagens in der Corona-Krise stellte er Erfolge der SPD-Bundesminister Olaf Scholz, Hubertus Heil und Franziska Giffey gegenüber: "Das sind die Leistungsträger."

Der Applaus verhallte virtuell bedingt zwar lautlos, doch Ney hatte in diesen närrischen Zeiten noch einen Tipp: "Trinkt noch ein Bier, ehe die Fastenzeit anfängt."

© SZ vom 19.02.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema