Politik im Landkreis:Emanzipiert von der CSU

UWG Starnberg

Feierten das 50-jährige Jubiläum der UWG in kleinem Rahmen: Ehemalige und aktuelle Stadträte, Vorstandsmitglieder und die Starnberger Bürgermeister (vorn v.li.) Heribert Thallmair, Ferdinand Pfaffinger und Patrick Janik (re.).

(Foto: Peter Haacke)

Die Unabhängige Wählergemeinschaft (UWG) feiert ihr 50-jähriges Bestehen und blickt auf eine bewegte Geschichte zurück

Von Peter Haacke, Starnberg

Die Unabhängige Wählergemeinschaft Starnberg (UWG) ist fester Bestandteil des kommunalpolitischen Geschehens der Kreisstadt. Dieser Tage feierte sie ihren 50. Geburtstag: Am 22. Juli 1971 folgte der Gründungsversammlung mit 20 Mitgliedern der Eintrag ins Vereinsregister. Anlässlich des Jubiläums feierte sich die Gruppierung jüngst in kleinem Rahmen selbst: Aktive und ehemalige Stadträte, Gründungs- und Vorstandsmitglieder plauderten aus alten Zeiten und lieferten Erkenntnisse zum Selbstverständnis der UWG, die ihre Wurzeln irgendwo zwischen FDP, CSU und bayerischem Freigeist hat.

Eng verknüpft mit der UWG-Historie ist die Ära von Heribert Thallmair, der von 1969 bis 2002 die Geschicke der Stadt als Bürgermeister prägte. Beim Treffen in der Gaststätte zur Au berichtete er von den Anfängen der Unabhängigen, die 1966 gemeinsam mit der FDP - damals stärkste Gruppierung im Stadtrat - angetreten waren. Als FDP-Bürgermeister Rudolf Widmann 1969 den Posten als Landrat übernahm, konnte sich Thallmair bei der Bürgermeister-Stichwahl auf die Parteifreien verlassen: "Mit Hilfe der UWG bin ich Bürgermeister geworden", erinnert sich der 85-Jährige CSU-Politiker, Ehrenpräsident des Bayerischen Gemeindetages und letzte Präsident des Bayerischen Senats. "Dafür empfinde ich heute noch Dankbarkeit."

Ihren Ruf als willfährige "Fußtruppe für Thallmair" - so spottete oft die politische Konkurrenz - behauptete die UWG auch in den Folgejahren. Explizit zur Unterstützung Thallmairs gegründet, entwickelte sie gleichwohl zunehmend eigenes Profil. 1972 und 1978 eroberte Vereinsgründer Jochen Krebs ein Mandat, 1984 zogen Lieselotte Bach und Hans Saegmüller ins Gremium ein, 1990 vertraten Jürgen Busse und Alois Brunner die UWG im Stadtrat. Die besten Jahre folgten ab 1996 - und stellten eine Zäsur dar: Die UWG emanzipierte sich von der CSU. Neben Busse und Brunner wurden Mario Stock, Helge Walter, Winfried Wobbe sowie Otto Gaßner gewählt.

Gaßner hatte sich 1995 mit der CSU-Fraktion nach anhaltendem Konflikt um Seeanbindung und Bahnhof Nord überworfen. Gemeinsam mit Heiner Janik, Vater des amtierenden Bürgermeisters Patrick Janik, verließ er die Fraktion. Beide bewarben sich selbst als "die bessere CSU", was weiteren Ärger provozierte. 1996 kandidierte Gaßner schließlich für die UWG. Abgesehen von einer Unterbrechung - 2015 reichte es nicht, Gaßner rückte 2016 für den frustriert zurückgetretenen Jürgen Busse nach - ist der 69-jährige Jurist nun Starnbergs dienstältester Stadtrat.

Zur stärksten Fraktion mutierte die UWG mit acht Mandaten 2008 bis 2014: Barbara Frey (CSU) und Axel Stang (BLS/WPS) wechselten den Verein. Sie folgten damit dem Beispiel Gaßners und des damaligen Bürgermeisters Ferdinand Pfaffinger, der 2006 wegen unüberbrückbarer Differenzen aufgrund höherer Erkenntnis zur Tunnel- und Umfahrungsfrage die Bürgerliste verlassen hatte. 2014 durfte er aus Altersgründen nicht erneut kandidieren, übernahm 2015 jedoch den Vorsitz der nur 63 Mitglieder starken Gruppierung.

"Die UWG wollte stets Verantwortung tragen", berichtet Busse, der 26 Jahre lang Mitglied des Stadtrats war und seit 1996 Kreistagsmitglied ist. "Die UWG hat immer Sympathie ausgestrahlt", sagt der ehemalige Geschäftsführer des Bayerischen Gemeindetages, "man schätzt einander". Das liegt auch daran, dass die UWG stets auf tief in der Gesellschaft verwurzelte Persönlichkeiten zählen konnte. Dazu zählt unter anderem der - nach eigenem Bekunden damals völlig unpolitische - Sportlehrer Winfried Wobbe. Oder Unternehmer Hans Saegmüller, der das "Starnberger Kaufhaus" für Sozialschwache etablierte.

Was die UWG in all den Jahren auszeichnete, ist ihre konservativ-liberale Grundhaltung. Pfaffinger betont, die UWG habe stets den jeweils amtierenden Bürgermeister konstruktiv unterstützt. Auch amtierender Bürgermeister Patrick Janik, erst 2015 in den Stadtrat gewählt und weiterhin Mitglied der CSU München-Land, schätzt bei der UWG den gegenseitigen Respekt. Nach zwei Wiesn-Maß hatte der Jurist 2013 in gehobener Stimmungslage den Mitgliedsantrag unterschrieben. 2020 setzte er sich als Gemeinschaftskandidat von CSU, UWG, SPD und BLS als Bürgermeister durch.

Es wäre nun unfair, die UWG als Sammelbecken für Ein-, Aus- und Umsteiger, Harmoniebedürftige oder Idealisten zu charakterisieren. Sie ist nicht so schwarz wie die CSU, aber auch nicht so liberal, wie die FDP gern wäre. Auch Frauen haben es eher schwer bei der UWG: Abgesehen von Barbara Frey (CSU) im Jahr 2008 und Angelika Wahmke (BLS) 2018, die beide zur UWG wechselten, hat seit Lieselotte Bach keine UWG-Kandidatin den Sprung in den Stadtrat geschafft. 2020 im Kommunalkampf segelte die UWG aus wahlkampftaktischem Kalkül gar unter Flagge der Freien Wähler: Gemäß der Kräfteverhältnisse im Landtag rückte die UWG so auf Platz 3 des Wahlzettels vor. Ansonsten aber "machen wir, was wir wollen", sagt Pfaffinger.

Weitere Geschichten und Anekdoten werden am 28. Oktober bei der Jubiläumsfeier in der Schlossberghalle zu hören sein, sofern die Corona-Pandemie das zulässt. Dann soll es auch ein Buch geben mit Texten, Bildern und Zeitungsausschnitten aus fünf Jahrzehnten Unabhängige Wähler.

© SZ vom 27.07.2021
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