Pöcking Worte der Verzweiflung

TV-Regisseur Diethard Klante kritisiert in einem offenen Brief den Umgang der Behörden mit Flüchtlingen.

Von Blanche Mamer, Pöcking

"Ich denke, er hat die Nerven verloren. Seine Angst war größer als jede Vernunft!", sagt der TV-Regisseur und Drehbuchautor Diethard Klante aus Pöcking über den jungen Asylbewerber aus Pakistan, der vor einer Woche spurlos verschwunden ist. Seit drei Jahren hat Klante den jungen Mann in Deutsch unterrichtet. Klante vermutet, dass die Abschiebung eines Freundes Auslöser für das Untertauchen gab. "Der Freund, der seine Duldung im Landratsamt Starnberg verlängern wollte, wurde von der Polizei erwartet und kurzerhand abgeschoben", berichtet der Pöckinger. "Das war wohl zu viel für ihn."

Diethard Klante ist voller Trauer und Wut. Seinen Gefühlen verleiht er in einem offenen Brief an seinen Schützling Ausdruck - in der Hoffnung dass dieser auf Umwegen davon erfährt. Neben den Sorgen und Ängsten zeigt Klante auch Verständnis für die Reaktion, ohne sie jedoch gut zu heißen. Er erzählt: Als der junge Mann im Herbst 2015 mit anderen Flüchtlingen in Pöcking eintraf, wurde er als Gast willkommen geheißen. "Unser Bürgermeister hat jedem Flüchtling zur Begrüßung die Hand geschüttelt" erinnert sich Klante. Sein Schüler habe Pöcking geliebt, und habe bleiben wollen. Von Anfang an hat Klante ehrenamtlich als Deutschlehrer mit ihm gearbeitet. Der Mittzwanziger habe keine einzige Deutschstunde versäumt, sei immer vorbereitet gewesen und habe schnell gelernt. Perfekt sprechen konnte er zwar nicht, doch er habe alles verstanden und sich gut verständigen können. Geplant war, demnächst die Sprachprüfung beim Goethe-Institut abzulegen.

Diethard Klante, 79, hat bei mehr als drei Dutzend – oft sozialkritischen – Filmen Regie geführt.

(Foto: Nila Thiel; .)

Doch der Asylantrag des jungen Muslimen, der aus dem Dorf Deowal im Distrikt Sargodha in Pakistan stammt, ist abgelehnt worden. Trotzdem habe er die Hoffnung nicht aufgegeben. Der junge Mann habe fest daran geglaubt bleiben zu dürfen, wenn er sich nur richtig anstrenge. Doch inzwischen würden Abschiebungen in Bayern rigoros durchgezogen. "Möglich, dass man ihn nicht abgeschoben hätte, aber wer weiß das schon", sagt Klante.

Er berichtet, dass er seinem Schützling einen Praktikumsplatz in der Pflege verschafft hatte, der Pflegedienstleiter sei sehr zufrieden gewesen und habe dem jungen Mann einen festen Vertrag angeboten. "Doch monatelang lag das Vertragsangebot im Landratsamt Starnberg, ohne dass es beantwortet oder gar genehmigt wurde", kritisiert Klante. Dabei herrsche doch Pflegenotstand in Deutschland. 50 000 Pflegekräfte fehlten, über die konzertierte Aktion "Pflege" sollen Schwestern und Pfleger aus dem Ausland geholt werden. "Ein Pfleger aus Pakistan, der schon hier ist und eingearbeitet, den will unser Staat nicht", bedauert der 79-Jährige. Die Allgemeinheit würde jedenfalls profitieren, der Flüchtling käme ohne finanzielle Unterstützung aus, er könnte seine Miete und seinen Lebensunterhalt selbst zahlen.

Für Landratsamtssprecher Stefan Diebl ist es so einfach nicht: Wenn ein Praktikumsplatz in ein festes Arbeitsverhältnis umgewandelt werden soll, müsse ein Antrag gestellt werden. Ein Vertragsangebot des möglichen Arbeitgebers reiche nicht aus. Diebl weist zudem darauf hin, dass die Bescheinigung der Duldung alle drei Monate verlängert werden müsse und alle Termine beim Ausländeramt wahrzunehmen seien. "Wenn die Termine unentschuldigt verstreichen, wird ein letzter gesetzt, danach ist nichts mehr zu machen."

„Nur geduldet“

"Lieber Freund, ich weiß nicht, wo Du jetzt bist. Als Du zu uns kamst, waren alle freundlich zu Dir (...). Du warst glücklich, nach einer langen, gefährlichen Flucht hier zu sein.

Dein Asylantrag wurde abgewiesen. Man hatte Dir ja nur Deinen Milchladen zerstört, man hat nur Deinen Freund umgebracht und man hat Dir gedroht, Dich auch umzubringen, falls Du nicht verschwindest, weil Du ein ehrenamtlicher Helfer in Deiner Moscheegemeinde warst (...).

Du warst hier nur geduldet. Unsere Kanzlerin hat zwar gesagt, dass sie in einem Land nicht leben will, das unfreundlich ist zu Menschen wie Dir, Menschen in Notsituationen, aber die Zeiten haben sich geändert (...). Ich weiß nicht, wie es Dir geht. Du bist jung und das Leben liegt vor Dir. Ich wünsche dir viel Glück." Diethard Klante

Der abgeschobene Freund habe sich nichts zuschulden kommen lassen, betont Klante, er habe überall mitgeholfen, sei den ehrenamtlichen Asylhelfern zur Hand gegangen, habe sich bei der Starnberger Tafel engagiert. "Das alles hat aber nichts genützt", klagt Klante.