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Integration von Asylbewerbern:Erfolg schweißt zusammen

Asylbewerber wird Schlossergeselle; Vom Asylbewerber zum Schlossergesellen

Im Betrieb von Franz Schmid (links) darf Waheed Muhammad jetzt als Geselle gearbeitet, nachdem er dort den Beruf des Metallbauers erlernt hat.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Flüchtling Waheed Muhammad aus Pakistan hat in Pöcking seinen Gesellenbrief als Metallbauer gemacht. Der Helferkreis und der Bürgermeister sind stolz auf ihn.

Von Michael Berzl

"Ich möchte hier bleiben", sagt Waheed Muhammad leise und mit einem nur leichten Akzent. Da reibt er sich kurz die Augen, als müsste er eine Träne der Rührung verdrücken. Die Aufenthaltserlaubnis, das ist die nächste große Hürde, die der 31-Jährige nun noch nehmen müsste. So viel hat er schon geschafft, seit er vor gut fünf Jahren in Pakistan aufgebrochen und schließlich in der Containersiedlung in Pöcking gelandet ist. Eine lange Reise hat er hinter sich gebracht, die deutsche Sprache und Schrift gelernt, einen Ausbildungsplatz gefunden. Seit ein paar Wochen hält er nun seinen Gesellenbrief als Metallbauer mit der Fachrichtung Konstruktionstechnik in Händen. Darum sind gerade sehr viele Menschen in Pöcking sehr stolz auf den Flüchtling aus Pakistan.

Am Freitag haben sie sich im Rathaus versammelt, um diesen Berufsabschluss gemeinsam zu feiern: der neue Metallbauer-Geselle Muhammad, sein Meister Franz Schmid, Bürgermeister Rainer Schnitzler, die Asylbeauftragte Dimitra Trottmann, Thomas Wolf, der viele Wochenenden beim gemeinsamen Pauken von Unterrichtsstoff aus der Berufsschule zugebracht hat, und andere Mitglieder des Helferkreises. Und alle waren voll des Lobes. Zum Beispiel sein Nachhilfelehrer Wolf: "Das ist nicht selbstverständlich, was Waheed da geleistet hat. Das ist eine ganz tolle Leistung". Bürgermeister Schnitzler sagte es bei dem Treffen am Freitag so: Das sei ein "Gemeinschaftswerk" gewesen.

Christoph Plathner vom Helferkreis etwa hatte dem Mann aus Pakistan die Türe zur traditionsreichen Schlosserei Enggesser geöffnet. Der kleine Handwerksbetrieb an der Hauptstraße kann nun schon auf eine 508-jährige Geschichte zurückblicken. Treppengeländer, Gartentüren oder Grabkreuze zum Beispiel werden dort hergestellt. Inhaber Franz Schmid hat bisher mit zwei Gesellen aus Aschering zusammengearbeitet, die 23 und 26 Jahre alt sind. Doch er ließ sich offenbar schnell überzeugen, dem Asylbewerber eine Chance zu geben. Nach einem Praktikum dachte er sich frei nach Franz Beckenbauer: "Das können wir ausprobieren. Schau mer mal". Und der Metallbauermeister hat das Experiment nicht bereut: "Interesse, Engagement, Fleiß: Das war alles da. Und er passt gut in unsere Werkstatt."

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Waheed Muhammad lebt seit fünf Jahren in Deutschland.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Muhammad habe sich von Anfang an "mit großer Energie und herausragendem Engagement" bemüht, in unserer Gesellschaft Fuß zu fassen und so viel wie möglich zu lernen, heißt es in einer Mitteilung des Rathauses. Als er seine Chance bekam, eine Ausbildung zu absolvieren, habe er "mit beiden Händen zugegriffen und hart dafür gekämpft und gearbeitet".

Mitgekämpft hat dabei auch Thomas Wolf, der viele Stunden damit verbracht hat, seinem Nachhilfeschüler die Feinheiten und die schwierige Grammatik der deutschen Sprache zu vermitteln. Vor allem bot er ihm auch einen Raum an, wo es überhaupt möglich ist, in Ruhe zu lernen. In der Unterkunft im Container, in der noch fünf Landsleute wohnen, wo geplaudert und auch mal laute Musik gehört wird, ist das nämlich nicht immer so einfach. Beim ersten Versuch ist Muhammad tatsächlich gescheitert und musste eine "kleine Ehrenrunde" drehen, wie sein Lehrmeister Schmid sagte.

Und dann kam auch noch Corona. Wegen eines Ausbruchs des Virus in der Pöckinger Gemeinschaftsunterkunft und der damit verbundenen Quarantäne für die Bewohner kurz vor dem Prüfungstermin wäre auch der zweite Versuch beinahe noch gescheitert. Doch mit vereinten Kräften wurde auch dieses Hindernis gemeistert, Muhammad konnte mitschreiben und bestand. "Mich freut das wahnsinnig", sagte sein Meister.

Ausbildung

Seit 2017 haben 130 Menschen mit Fluchthintergrund im Landkreis Starnberg eine Ausbildung im Handwerk begonnen, teilt der Sprecher der Handwerkskammer mit. Bei 38 von ihnen wurde das Lehrverhältnis ohne Abschluss gelöst. Der Rest, also 92 Personen, befinde sich noch in Ausbildung. Die meisten lassen sich als Kraftfahrzeugmechatroniker, Friseurin, Elektroniker oder Anlagenmechaniker ausbilden. In Betrieben, die zur Industrie- und Handelskammer (IHK) gehören, werden derzeit 72 Menschen aus Ländern ausgebildet, aus denen viele Flüchtlinge kommen. Mit Stand Ende September wurden 26 neue Ausbildungsverträge mit Menschen aus "fluchtwahrscheinlichen Ländern" abgeschlossen; im Vorjahreszeitraum waren es 38. Der Rückgang bei den Verträgen könne nicht allein auf Corona zurückgeführt werden: Es kommen deutlich weniger Flüchtlinge. Das sei auch an der Zahl der Berufsintegrationsklassen abzulesen: Das waren in Starnberg laut IHK im Schuljahr 2017/18 noch acht, im Jahr darauf noch sechs, dann zwei und aktuell nur eine Klasse. rzl

In Pöcking, wo es immer noch einen sehr aktiven Helferkreis gibt, ist die Geschichte von Waheed Muhammad nur ein Beispiel von mehreren für eine gelungene Integration ins Berufsleben. In Gasthof Zur Post habe ein Flüchtling eine Kochlehre begonnen, andere absolvierten bei einem Zimmerer und einem Anlagenbauer eine Ausbildung, erlernten den Beruf der Arzthelferin oder der Heilerziehungspflegerin.

Seine Familie hatte Muhammad zurückgelassen in der Stadt Daska im Norden Pakistans nahe der Grenze zu Indien, als er sich auf die Reise nach Deutschland machte; seine Frau und seine zwei kleinen Kinder sind noch in Pakistan. Insgesamt 45 Tage sei er unterwegs gewesen, mit dem Zug, mit dem Bus und teilweise auch zu Fuß. Von Pakistan in den Irak, weiter in die Türkei, über Mazedonien und Österreich nach Deutschland.

Dort kam Muhammad zuerst nach Karlsruhe, ehe er nach weiteren Stationen in Ellwangen, Moosburg und München schließlich in Pöcking landete. Hier würde er gerne Fuß fassen, raus aus dem Container in eine eigene Wohnung. Und endlich seine Familie in Pakistan besuchen, die er seit sechs Jahren nicht mehr gesehen hat. Das Geld für das Flugticket habe Muhammad schon, sagte Plathner.

© SZ vom 31.10.2020
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