PöckingRecycling findet in Pöcking Freunde

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Heidi Roschat aus Starnberg hat etwas gefunden, was sie brauchen kann.
Heidi Roschat aus Starnberg hat etwas gefunden, was sie brauchen kann. (Foto: Arlet Ulfers)

Beim Schenk- und Tauschmarkt im Beccult gibt es Dinge zu ergattern, die sonst auf dem Wertstoffhof landen würden. Der Andrang ist überraschend groß. Bloß Bücher sind kaum gefragt.

Von Sylvia Böhm-Haimerl, Pöcking

Rainer Holland schleppt ein Tellerbord im Landhausstil zum Schenk- und Tauschmarkt ins Pöckinger Beccult. „Das war ein Hochzeitsgeschenk“, erklärt der ältere Herr. Er und seine Frau zögen um ins Betreute Wohnen, für das Tellerbord sei kein Platz mehr, erklärt er und betrachtet das Regal wehmütig. Jetzt hoffe er, dass das geliebte Möbelstück hier einen Interessenten findet. Zum elften Mal organisieren die Pöckinger Grünen den Schenk- und Tauschmarkt. Hier können Menschen Dinge, die sie nicht mehr benötigen, abgeben nach dem Motto „warum wegwerfen, wenn es andere vielleicht brauchen können“.

Da es nicht viele Schenk- und Tauschmärkte in der Region gibt, hat sich die Pöckinger Veranstaltung herumgesprochen. Der Andrang ist groß. Es herrscht ein Kommen und Gehen. Tisch an Tisch reiht sich mit Geschirr, Kleidung, Büchern, Spielsachen, aber auch Kinderschaukeln und Möbeln. Was keine Abnehmer findet, wird von den Organisatoren am Ende kostenlos entsorgt. Was einmal auf einem Parkplatz begann, stößt mittlerweile auf ungewöhnlich großes Interesse. Der Parkplatz ist überfüllt und im Beccult herrscht dichtes Gedränge. Die einen bringen kistenweise nicht mehr benötigte Sachen, andere suchen nach kostenlosen Schnäppchen. Beim Schenk- und Tauschmarkt kommen alle zusammen. Oft werden die gerade geleerten Kisten gleich wieder mit Dingen gefüllt, die man selbst brauchen kann. „Man nimmt immer mehr mit, als man selbst gebracht hat“, sagt eine Frau.

Manche Dinge allerdings sind tatsächlich Müll, beispielsweise angeschlagenes oder gesprungenes Geschirr, kaputtes Spielzeug, verschmutzte oder zerrissene Kleidung. Ein Papa erklärt seinem etwa fünf Jahre alten Sohn, dass er sich maximal zwei Dinge vom Tisch mit dem Spielzeug aussuchen darf. „Alles Schund“, urteilt der kleine Bub enttäuscht.

Nach den Erfahrungen von Mitorganisatorin Constantia Rosendorfer ist der Müllanteil jedoch gering. Die Menschen könnten ihren Müll ja kostenlos im Wertstoffhof abgeben. Es gebe aber insbesondere ältere Menschen, die Dinge bringen, die für sie selbst wertvoll seien, die aber bei anderen auf wenig Interesse stoßen. Sie selbst könne nicht einschätzen, was weggehe und was nicht.

Eine Frau bringt eine altmodische Lampe im Tiffany-Stil. Sie hat ebenso nach wenigen Minuten einen Abnehmer gefunden, wie ein Aktenkoffer. Christoph Plathner hält ihn in der Hand. Auf die Frage, wer im digitalen Zeitalter noch einen Aktenkoffer benötigt, sagt er: „Das wird ein Büro“. Als ehrenamtlicher Helfer beantwortet der ehemalige Verwaltungsrichter die Behördenpost für Asylbewerber. Wenn die Geflüchteten die Briefe nach Kinder- oder Wohngeld im Aktenkoffer geordnet zu ihm bringen könnten, finde er sich schneller zurecht, erklärt er.

Andrea Wimmer aus Söcking hat vier Stühle für ihre Mutter gefunden.
Andrea Wimmer aus Söcking hat vier Stühle für ihre Mutter gefunden. (Foto: Arlet Ulfers)
Bücher bleiben meistens liegen.
Bücher bleiben meistens liegen. (Foto: Arlet Ulfers)
Demi aus Pöcking bekommt von Grünen-Vorständin Jutta Söhnle Kinderbücher empfohlen.
Demi aus Pöcking bekommt von Grünen-Vorständin Jutta Söhnle Kinderbücher empfohlen. (Foto: Arlet Ulfers)

An einem Stuhl hängt ein Schild mit einer Telefonnummer sowie der Mitteilung, dass es insgesamt vier Stühle gibt, die bei den Besitzern abgeholt werden könnten. Eine Frau fragt höflich, ob sie die Stühle bekommen könnte, und die Organisatoren vermitteln sie an die Besitzer weiter. An den Stühlen aus einem örtlichen Restaurant hängt ein Zettel „zu verschenken“. Diese Sitzgelegenheiten stoßen aber auf ebenso geringes Interesse wie ein defekter Kaffeeautomat oder ein Gartenzwerg. Das Tellerbord steht nach zwei Stunden ebenfalls noch unbeachtet in einer Ecke. Kleidung indes, die keine Abnehmer findet, wird von einer Künstlerin abgeholt, die daraus Kunstobjekte webt.

Laut dem Mitorganisator und Grünen-Gemeinderat Christoph von Gronau bleiben insbesondere Bücher liegen. Im Internetzeitalter gebe es für alte Lexika oder Fachbücher keinen Bedarf. Constantia Rosendorfer schätzt, dass am Ende der Veranstaltung rund 240 Liter an Papier liegen bleibt. Aber insgesamt zwei Drittel der gebrachten Gegenstände würden Abnehmer finden, so Gronaus Fazit. Das hält der Gemeinderat für einen großen Erfolg. „Ich bin jedes Jahr wieder fasziniert“, erklärt er. Die Saalmiete, die von den Grünen bezahlt wird, lohne sich seiner Erfahrung nach auf jeden Fall. Denn es werde nicht nur Müll vermieden. Auch der Verkehr werde reduziert, weil die Organisatoren den übrig gebliebenen Rest mit Schubkarren zum benachbarten Wertstoffhof bringen.

Am Ende der Veranstaltung haben die Organisatoren nur rund eine Stunde Zeit, um die verbliebenen Sachen sauber nach Pappe, Plastik oder Bauschutt (Geschirr) zu trennen und zum Wertstoffhof zu bringen, bevor dieser schließt. Dabei werden die fünf Ehrenamtlichen aber von mindestens 15 Pöckingern unterstützt, die die Schenk- und Tauschmarkt-Idee großartig finden. So artet die Aufräumaktion nicht in Stress aus.

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