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Integration:Glücksgriff aus Pakistan

Pöcking Schmiede Engesser

Der Pöckinger Metallbaumeister Franz Schmid (re.) ist hochzufrieden mit seinem Lehrling Muhammad Waheed.

(Foto: Georgine Treybal)

Muhammad Waheed absolviert bei einer Traditionsschmiede in Pöcking erfolgreich eine Lehre zum Metallbauer. So lange er die Ausbildung macht, wird er im Landkreis geduldet - doch seine weitere Zukunft ist ungewiss.

Von Sylvia Böhm-Haimerl

Wenn Metallbaumeister Franz Schmid über seinen Azubi redet, gerät er ins Schwärmen. "Er ist ein Glücksgriff", sagt der Inhaber der Pöckinger Schmiede. Sein Lehrling Muhammad Waheed komme überall gut an, auch bei den Kunden. Denn er sei sehr höflich und hilfsbereit und habe immer Ideen, wie man ein Problem lösen könne. So ein dickes Lob ist normalerweise selten, für den Flüchtling aus Pakistan ist es daher etwas Besonderes.

Waheed lebt erst seit dreieinhalb Jahren in Deutschland. Im September 2016, als er zusammen mit vielen anderen Flüchtlingen in die Zeltstadt am Pöckinger Sportpark einzog, hat ihm der ehemalige Gemeinderat und Helferkreismitglied Christoph Plathner eine Praktikumsstelle in der mehr als 500 Jahre alten Schmiede vermittelt. Der Metallbauer Schmid hat gleich bemerkt, dass der junge Mann Interesse an diesem alten Handwerk hat. "Ich mag diesen Beruf", sagt Waheed und blickt sich in der Werkstatt um, in der neben modernen Maschinen noch immer der 252 Kilogramm schwere Amboss steht. Auch die offene Feuerstelle, über der uraltes Werkzeug in Reih und Glied aufgehängt ist, wird noch fast täglich entfacht. Metallbaumeister Schmid hat die Schmiede, die nachweislich seit 1512 besteht, vor 14 Jahren von seinem Cousin Georg Engesser übernommen. Ob die österreichische Kaiserin Elisabeth, die ihre Kindheit im Schloss Possenhofen verbracht hat, hier ihre Pferde beschlagen ließ, ist nicht verbrieft.

Nachweislich jedoch wurden in dieser Zeit in der Schmiede Pferde beschlagen und Kutschen repariert. Und bis vor wenigen Jahren noch ließen die Bauern aus dem Dorf hier ihre Landmaschinen reparieren. Auch heute noch wird in der Werkstatt altes Handwerk ausgeübt: Es werden Grabkreuze geschmiedet, Fenstergitter oder Gartentore. Das Hauptgeschäft jedoch macht Schmid mit der Bauschlosserei, beispielsweise mit Handläufen, Treppen- und Balkongeländern. Dass Waheed eine Lehre antreten konnte, obwohl er als Asylbewerber bis heute nicht anerkannt ist, hat er Christoph Plathner zu verdanken. Wie Schmid berichtet, hatte der pensionierte Verwaltungsrichter innerhalb von nur einer Woche beim Landratsamt erreicht, dass Waheed einen Lehrvertrag bekam. Der 29-jährige Flüchtling hatte schon in seiner Heimat als Schlosser gearbeitet. Er war sogar selbstständig. Diese Berufserfahrung kann er in Deutschland gut gebrauchen. "Er musste zuhause improvisieren. Davon profitiert er hier", stellt sein Lehrherr fest.

Waheed ist jetzt im dritten Lehrjahr und hat die Zwischenprüfung gut bestanden. "Er hat sich wirklich gut bewährt", lobt Schmid. Auch sprachlich habe es von Anfang an keine Probleme gegeben. Lediglich die Fachausdrücke fallen ihm schwer und die Genauigkeit. Er habe sich aber schnell darauf eingestellt, erklärt Schmid. Um eventuelle Schwierigkeiten in der Berufsschule meistern zu können, bekommt er Unterstützung vom Helferkreis.

Waheed hat in Pakistan eine Ehefrau und zwei Kinder zurückgelassen. Er war 45 Tage auf der Flucht, bis er in Österreich ankam. Doch der junge Mann wollte nach Deutschland und zog deshalb weiter. In Pöcking fand er dann eine Bleibe. So lange er eine Ausbildung macht, wird er im Landkreis geduldet. Sein Aufenthaltsrecht muss Waheed alle sechs Monate verlängern lassen. Wenn er seine Gesellenprüfung im kommenden Jahr besteht, könne er noch maximal zwei Jahre lang bleiben, erklärt Schmid. "Dann ist alles offen".

Obwohl Waheed Heimweh hat und täglich mit seiner Frau und den Kindern telefoniert, würde er gerne in Deutschland bleiben. Sein größter Wunsch ist es seine Familie nach Deutschland zu holen. Schmid und seine drei Mitarbeiter versuchen Waheed über sein Heimweh hinweg zu helfen, so gut es geht. Manchmal kochen und essen sie gemeinsam. Waheed könne gut kochen, erzählt Schmid. Sogar das Brot backe er selbst. "Ich will auf jeden Fall hier weiterarbeiten. Mein Chef ist so nett", sagt Waheed. "Und wenn ich Probleme habe, ist Christoph Plathner immer da."

© SZ vom 12.03.2019
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