Flüchtlingsunterkünfte im Landkreis Starnberg„Absurder Aufwand“

Lesezeit: 3 Min.

Auf dieser Wiese soll in Pöcking eine weitere Flüchtlingsunterkunft entstehen. Michael Schwartz (re.) und Diethard Klante haben Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Unterfangens: Das Grundstück wird regelmäßig überschwemmt.
Auf dieser Wiese soll in Pöcking eine weitere Flüchtlingsunterkunft entstehen. Michael Schwartz (re.) und Diethard Klante haben Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Unterfangens: Das Grundstück wird regelmäßig überschwemmt. (Foto: Foto: Arlet Ulfers)

Am Dorfrand von Pöcking soll eine weitere Flüchtlingsunterkunft für 96 Personen entstehen. Ein Anwalt und ein Regisseur halten den Standort aus verschiedenen Gründen für völlig ungeeignet.

Von Sylvia Böhm-Haimerl, Pöcking

Die Anwohner im Bereich Ascheringer Weg und Maisinger Weg in Pöcking sind tief beunruhigt: In ihrer unmittelbaren Nähe ist eine neue Unterkunft für Geflüchtete geplant. Sie glauben, dass die Wiese am Ortsrand der falsche Standort ist, da sich dort bei Starkregenfällen regelmäßig ein See bildet. „Wir lassen uns nicht in die rechte Ecke stellen“, stellt Diethard Klante klar, „aber wollen verhindern, dass hier Geld rausgeschmissen wird.“ Der Regisseur im Ruhestand betont, dass es hier nicht um Vorurteile geht. Schließlich habe er sich lange Zeit im Helferkreis engagiert und ehrenamtlich Deutschunterricht gegeben.

Klante glaubt zu wissen, warum unter 15 möglichen Arealen in Pöcking, die untersucht wurden, ausgerechnet der seiner Meinung nach schlechteste Standort ausgewählt wurde: Hier wohnen mit insgesamt zehn Personen nur sehr wenige Anwohner. Wahrscheinlich glaube die Gemeindeverwaltung, es sei deshalb nur wenig Gegenwind zu erwarten. „Der Eindruck ist, man hat den Weg des geringsten Widerstands gewählt“, ist sich auch Michael Schwartz sicher. Der Jurist ist in Pöcking aufgewachsen und hat auf dem elterlichen Grundstück seinen Zweitwohnsitz. Seit seiner Kindheit weiß er, dass es in dem Gebiet schon immer Wasserprobleme gegeben hat.

Obwohl Schwartz zwei Sickergruben auf seinem Grundstück hat, steigt das Wasser bei starken Regenfällen regelmäßig über die Grasnarbe und sein Keller wird überschwemmt. Denn das Wasser sammelt sich unterhalb des Moränenhügels und kann nicht versickern. Der Anwalt hat einen Wasserplaner hinzugezogen. Nach dem Urteil des Fachmanns wäre eine Unterkunft zwar technisch machbar. Die Umsetzung aber sei sehr aufwändig und teuer, denn es müssten Pumpen eingebaut werden.

Der Anwalt und der Regisseur glauben, dass Entwässerung, Ausbau des nur knapp dimensionierten Abwasserkanals, die Verlängerung des Gehwegs sowie die Erweiterung der Straßenbeleuchtung bis zur Flüchtlingsunterkunft mehrere Millionen Euro kosten. Auf jeden Fall wären sie höher als die kalkulierten Baukosten für die Unterkunft von derzeit berechneten 4,3 Millionen Euro. „Das ist ein absurder Aufwand“, sagt Schwartz und Klante fügt hinzu: „Wir wollen verhindern, dass hier Riesengelder in Anspruch genommen werden.“

Für Michael Schwartz (li.) und Diethard Klante ist der geplante Bau der Flüchtlingsunterkunft am Ortsrand von Pöcking ein „No-go“. Der Standort ist ihrer Meinung nach ungeeignet.
Für Michael Schwartz (li.) und Diethard Klante ist der geplante Bau der Flüchtlingsunterkunft am Ortsrand von Pöcking ein „No-go“. Der Standort ist ihrer Meinung nach ungeeignet. (Foto: Arlet Ulfers)

Ein weiterer Grund für ihre Beunruhigung: 96 Geflüchtete stehen zehn Einheimischen gegenüber. Zudem ist für die Unterkunft nach ihren Angaben kein Sozialdienst geplant. Man müsse den Bürgern reinen Wein einschenken und ehrlich sagen, dass das zu viel sei, sagt Klante und rechnet vor: Derzeit leben in Pöcking 287 Geflüchtete; zusammen mit den geplanten 96 Neuaufnahmen werden es 383 sein; das mögen auf die Gemeinde gerechnet zwar nur fünf Prozent sein, sagt Klante; auf das Dorf Pöcking heruntergerechnet - also ohne die Ortsteile Maising und Aschering, in denen es keine Geflüchteten gibt - komme man jedoch auf 9,3 Prozent.

„Bei den Nachbarn herrscht Angst, Aufregung und eine gewisse Hilflosigkeit“

So viele Geflüchtete könnten nicht mehr integriert werden, auch wenn es in Pöcking „einen tollen Helferkreis“ gebe. Aber diese Zahlen würden die Ehrenamtlichen überfordern. „Bei den Nachbarn herrscht Angst, Aufregung und eine gewisse Hilflosigkeit“, hat Klante festgestellt. Auch Schwartz bereiten die hohen Zahlen Angst - vor allem deshalb, weil bislang kein Sozialdienst zur Unterstützung der Geflüchteten vorgesehen sei. Schwartz wäre der einzige direkte Nachbar der 96 Geflüchteten, die einmal hier einziehen sollen. Die anderen Anwohner wohnen auf der anderen Straßenseite. Ursprünglich wollte der Jurist zurück in seinen Heimatort ziehen, aber jetzt überlegt er es sich noch einmal, ob er auf Dauer in Pöcking wohnen will. Die Anwohner wünschen sich nun ein weiteres Treffen mit Anwohnern, Vertretern des Landratsamtes und Wasserplanern, um die Problematik vor Ort zu besprechen.

Von Überschwemmungen auf diesem Areal sei ihm nichts bekannt, erklärte derweil Bürgermeister Rainer Schnitzler auf Anfrage. „Wenn dem so wäre, müsste sich das Landratsamt damit auseinandersetzen.“ Denn Bauherr der Unterkunft ist das Landratsamt und nicht die Gemeinde Pöcking. Aus dem Landratsamt heißt es: „Die Bedenken hinsichtlich der Entwässerung sind – wie bei jedem Bauvorhaben – im Genehmigungsverfahren zu klären und zu prüfen.“ Die Prüfungen seien zwar noch nicht abgeschlossen, aber nach aktuellem Stand seien hier keine größeren Probleme zu erwarten.  Stefan Diebl, Sprecher des Landratsamtes, verweist zudem auf einen Ortstermin im März mit Vertretern des Landratsamtes, der Gemeinde und Bauherren, bei dem auch die Anwohner eingeladen gewesen seien. „Soweit Wünsche der Nachbarn umgesetzt werden können, kommen wir diesen so weit wie möglich nach“, sagte Diebl. Nach seinen Angaben werden beispielsweise die Baukörper weiter nach hinten gerückt und zu einem Nachbarn ein blickdichter Zaun errichtet. Darüber hinaus könnte verfügbares Aushubmaterial eventuell zum Maisinger Weg hin angehäuft werden.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

ExklusivMigration
:In Deutschland leben so viele Geflüchtete wie nie zuvor

Nach neuen Zahlen sind knapp 3,5 Millionen Flüchtlinge bei den Behörden registriert. Doch der Höchststand ist kein Beleg für eine akute Notlage.

SZ PlusVon Jan Bielicki

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: