KircheSo lebt es sich in der Priester-WG

Lesezeit: 5 Min.

Die Pfarrer Mathias Klein-Heßling (links) und Jaime-Pasqual Hannig stehen auf dem Balkon ihrer gemeinsamen Pfarrwohnung in Aufkirchen.
Die Pfarrer Mathias Klein-Heßling (links) und Jaime-Pasqual Hannig stehen auf dem Balkon ihrer gemeinsamen Pfarrwohnung in Aufkirchen. (Foto: Arlet Ulfers)

Mathias Klein-Heßling und  Jaime-Pasqual Hannig leben beide im Aufkirchener Pfarrhaus am Starnberger See. Die katholische Kirche nennt diese Lebensform „Vita Communis“. Innerhalb der Pfarrer-WG teilen die Kollegen nicht nur den Wohnraum.

Von Sabine Bader, Berg

Die beiden Pfarrer stehen auf dem Balkon ihrer gemeinsamen Pfarrwohnung und sie wirken zufrieden – zufrieden mit ihrer Situation: Seit gut vier Monaten leben sie nun gemeinsam in Aufkirchen. Und es fühlt sich gut an, sagen beide. Vor einem Jahr hat Pfarrer Mathias Klein-Heßling den Pfarrverband am Ostufer des Starnberger Sees übernommen, zu dem neben Aufkirchen, Berg und Höhenrain auch die Ortschaften Percha und Wangen gehören. Und seit ein paar Monaten fühlt sich das Leben im Aufkirchener Pfarrhaus für ihn wirklich rund an: Denn nach der Renovierung der Pfarrwohnung konnte auch sein Mitbruder Jaime-Pasqual Hannig einziehen, er ist Pfarrer in St. Laurentius in Dingharting.

Jetzt ist die Pfarrer-WG also komplett. Pfarrer-WG? Manch einer mag jetzt glauben, er habe sich verlesen. Priester leben doch normalerweise allein? Ja, aber nicht zwangsläufig. Früher lebten Pfarrer häufig mit einem Kaplan, dem Pfarrvikar und der Haushälterin unter einem Dach. „Das war auch eine Art Familie“, sagt Hannig. „Es gibt Pfarrhäuser, die so konzipiert sind, dass Küche und Gemeinschaftsräume im Erdgeschoss liegen und oben die Privaträume sind.“ Diese Raumaufteilung sei bis in die Achtzigerjahre gängig gewesen, weil man dachte, die Personalkonstellation würde unverändert bleiben.

Tat sie aber nicht. In den vergangenen 30 Jahren ist es um die Priester in ihren Pfarrhäusern einsamer geworden. Dabei ist die „Vita Communis“, die auf Lateinisch das gemeinschaftliche Leben von Ordensleuten und Klerikern bezeichnet, keineswegs eine neue Erfindung. Sie geht auf frühe gemeinschaftliche Lebensformen zurück. Zudem unterstützt die Diözese München-Freising, dass Priester in einer solchen Konstellation leben. Nicht zuletzt empfiehlt das Dekret „Presbyterorum ordinis – über den Dienst und das Leben der Priester“ des Zweiten Vatikanischen Konzils in Punkt acht ausdrücklich, für Diözesanpriester verschiedene Formen gemeinsamen Lebens zu fördern.

Klein-Heßling und Hannig waren also mit ihrem Wunsch nach Gemeinschaft im Priesteralltag von Anfang an nicht allein. Und doch hat ihre Form des Zusammenlebens heute Seltenheitswert. Vitae Communes gibt es in der Erzdiözese München und Freising aktuell sieben mit insgesamt 18 Personen, heißt es aus der Pressestelle des Ordinariats.  „Wir sehen uns ein wenig als Pioniere“, sagt Klein-Heßling. So erkundeten sie jetzt zum Beispiel, welche kirchliche Stelle dafür zuständig ist, wenn es darum geht, die außerplanmäßigen Kosten für die zweite Person im Pfarrhaus zu tragen. Klein-Heßling hofft, dass sie beide Wegbereiter sein können für Jüngere, die überlegen, es auch gemeinsam anzugehen.

Das Pfarrhaus von Aufkirchen bietet ausreichend Platz für das Pfarrbüro mit Besprechungsräumen und die gemeinsame Wohnung der Pfarrer Mathias Klein-Heßling und Jaime-Pasqual Hannig.
Das Pfarrhaus von Aufkirchen bietet ausreichend Platz für das Pfarrbüro mit Besprechungsräumen und die gemeinsame Wohnung der Pfarrer Mathias Klein-Heßling und Jaime-Pasqual Hannig. (Foto: Arlet Ulfers)

Eigentlich war geplant, die Wohngemeinschaft zu dritt anzugehen. Aber der dritte Bruder sei dann abgesprungen, erzählen sie. So habe man jetzt ein wenig improvisieren müssen. Mit dem Plan, diese Lebensform für sich zu wählen, spielten die beiden, wie sie sagen, schon lange. Als sie sich dann sicher waren, seien sie mit der Idee an ihren Arbeitgeber herangetreten. Ein Denkprozess kam in Gang. Dieser zog sich an die zwei Jahre hin. Letztlich war es für die beiden ein Glück, dass Pfarrer Albert Zott, der den Pfarrverband Aufkirchen leitete und im vergangenen Jahr in den Ruhestand ging, beschloss, nach Grünwald zu ziehen.

Lange wird diskutiert, wo Teller und Gläser aufzubewahren seien – WG-Alltag eben

Denn für Klein-Heßling und Hannig ist der um 1900 erbaute Pfarrhof ideal. Bietet er im Erdgeschoss doch ausreichend Platz für das Pfarrbüro mit Sekretariat und diverse Besprechungs- und Büroräume. Im Obergeschoss befinden sich die Privaträume der beiden Priester. Jedem von ihnen steht ein eigenes Bad sowie ein Schlaf- und ein Arbeitszimmer zur Verfügung. Küche und Wohnzimmer nutzen sie gemeinsam. In diesem Zusammenhang erzählen sie eine kleine Episode aus der Praxis: Es ging darum, das mitgebrachte Geschirr zu kombinieren und zu ordnen. Man habe so lange darüber diskutiert, bis man eine Lösung fand, die für beide passte. Das habe zwar länger gedauert, aber dafür wisse man jetzt genau, warum die Gläser auf der einen Seite und die Teller auf der anderen besser aufgehoben seien. WG-Alltag eben.

Hannig mag den Begriff „WG“ in diesem Zusammenhang nicht sonderlich. Er ist ihm zu weltlich. Denn das Gebet ist ein Eckpfeiler ihrer Gemeinschaft, wie beide bekräftigen. „Wir verstehen uns als geistliche Gemeinschaft“, sagt Hannig. Beim Frühstück wird täglich auch gemeinsam gebetet. Dies ist mittlerweile ein Ritus für die Zwei. Hanning hält es mit Kardinal Reinhard Marx, und sagt: „Ehelosigkeit bedeutet nicht Beziehungslosigkeit“. Und Priester sollten nicht einsam sein. Die Frage sei für ihn, wie man dies in einer guten, gesunden und reifen Weise lebe.

Auf der Holzbank im Pfarrgarten zwischen all den Pflanzen sitzt Pfarrer Mathias Klein-Heßling gern.
Auf der Holzbank im Pfarrgarten zwischen all den Pflanzen sitzt Pfarrer Mathias Klein-Heßling gern. (Foto: Arlet Ulfers)
„Ich bin ein Spätberufener“, sagt Pfarrer Jaime-Pasqual Hannig über sich. In Aufkirchen fühlt er sich schon nach wenigen Monaten sehr wohl: „Hier bin ich jetzt zu Hause.“
„Ich bin ein Spätberufener“, sagt Pfarrer Jaime-Pasqual Hannig über sich. In Aufkirchen fühlt er sich schon nach wenigen Monaten sehr wohl: „Hier bin ich jetzt zu Hause.“ (Foto: Arlet Ulfers)

Er und Klein-Heßling kennen sich seit Langem. Hanning war in seiner Ausbildung in der Pfarrei in Rosenheim, in der Klein-Heßling Kaplan war. Beide waren dort neu: Sie beteten gemeinsam, lasen sich gegenseitig Predigten vor, hielten Messen und teilten sich sogar ein Büro. Es funktionierte. Sie haben schlicht dieselbe Wellenlänge. Theologisch seien sie meist d'accord, betonen sie, und auch im Alltag interessieren sie sich für Ähnliches wie beispielsweise für Popkultur.

„Es ist für mich schön zu wissen, dass jemand auch an meiner Seite steht“, sagt Klein-Heßling. Er wolle nicht allein leben. Das sei einfach eine Typ-Frage. Klein-Heßling stammt aus Miesbach, ist 36 Jahre alt. In Rosenheim war er Kaplan, seine erste Pfarrstelle hat er jetzt im Pfarrverband Aufkirchen. Anders als sein Vorgänger nimmt er die Filialkirchen wieder in den Blick. Und so finden in den keinen Kirchen wie Farchach, Mörlbach, Allmanshausen und St. Johannes in Berg wieder regelmäßig Gottesdienste sowie Taufen oder Eheschließungen statt. „Ich mag unsere kleinen Kirchen“, sagt der Geistliche. „Sie haben ihren Charme, ihre eigene Geschichte und die Leute hängen an ihnen.“

In seinem neuen Wohnort Aufkirchen fühlt sich auch sein Mitbruder Jaime-Pasqual Hanning bereits sehr wohl. „Hier bin ich jetzt zu Hause“, sagt der 47-Jährige.  Natürlich hat es für ihn auch Nachteile, nicht in seiner Pfarrei Dingharting zu wohnen und täglich mit dem Auto pendeln zu müssen – vor allem bei Frühmessen, Abendterminen und im Winter. Trotzdem ist Hanning den Mitgliedern seiner Pfarrei dankbar, dass sie Verständnis für seine Entscheidung haben. Auch wenn es bis zum heutigen Tag Nachfragen gibt.

Kirche, Pfarrhaus und Alte Schule: In Aufkirchen bilden diese drei Bauten das Zentrum des Ortes.
Kirche, Pfarrhaus und Alte Schule: In Aufkirchen bilden diese drei Bauten das Zentrum des Ortes. (Foto: Arlet Ulfers)

Hannings Werdegang ist nicht so linear verlaufen wie der seines Mitbruders. Er stammt aus Falkenberg in der Oberpfalz und hat vier jüngere Geschwister. „Ich bin ein Spätberufener“, sagt er über sich. Er war in München-Neuhausen hauptberuflicher Mesner von St. Vinzenz. Über diese Tätigkeit kam er schließlich zum Glauben, holte das Abitur im Fernstudium nach, bevor er studierte und ins Priesterseminar eintrat. Sein leiblicher Vater, der bereits gestorben ist, stammte aus Iran und war Moslem. Viel Zeit hatte er mit ihm nicht verbringen können, so studierte er neben der katholischen Theologie auch zwei Semester islamische Theologie, wohl um sich dem Vater geistig anzunähern. Die ersten Stellen als Diakon und Kaplan hatte er in Rosenheim und Wolfratshausen. Er arbeitete danach im Münchner Westend, ehe er Anfang Oktober die Pfarrei Sankt Laurentius übernahm.

Und so sitzen die beiden Priester abends häufig in ihrer Aufkirchener Wohnung zusammen und lassen den Tag Revue passieren. Mal dient das Gespräch dazu, Negatives loszuwerden. Aber häufig bestärkt man sich gegenseitig mit schönen Erlebnissen, erzählen sie. Und so schmieden die zwei bereits erste Pläne für gemeinsame Ausflüge, Wallfahrten und Ministranten-Reisen ihrer Pfarrgemeinden.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Geschichte Bayerns
:Die Bierschiffer vom Starnberger See

Fährleute transportierten einst Alkohol und Frachtgut über das Wasser. Tutzing und Ammerland waren dabei bedeutende Standorte für den Bierverkehr. Um die Fässer abzuladen, wurden sogar eigene Stege errichtet.

SZ PlusVon Sabine Bader

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Gutscheine: