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Pähl:Die Kunst der Präzision

Die Ausstellung "Neue Perspektiven" im Unteren Schloss widmet sich sechs verschiedenen Positionen aus den Genres Fotografie, Malerei und Bildhauerei - gemein ist allen eine kühle und geistreiche Ästhetik, die bisweilen in die Irre führt

Von Katja Sebald, Pähl

Pähl, Galerie Unteres Schloss, Ausstellung

Kühl, minimalistisch und dennochfaszinierend für das Auge des Betrachters wirken die Kunstwerke, die in Pähl zu sehen sind - etwa die von Oliver Thiele.

(Foto: Georgine Treybal)

Fotografie, Malerei und Skulptur könnte man als Eckpunkte der aktuellen Ausstellung in der Galerie im Unteren Schloss in Pähl aufzählen. Tatsächlich aber sind dort unter dem Titel "Neue Perspektiven" sechs künstlerische Positionen vereint, die eine solche Zuordnung eher in Frage stellen und damit den Betrachter in die Irre führen.

Da ist zunächst Manuela Herdrich aus Dortmund, die einen ganzen Raum mit solcher farbiger Opulenz bespielt, dass man erst ganz zuletzt an Architekturfotografie denken würde. Und auch die Künstlerin selbst ordnet ihre Arbeit lieber der abstrakten oder konzeptuellen Kunst zu. Ausgangspunkt der in Pähl gezeigten Bildserie ist jedoch die preisgekrönte Architektur des ADAC-Hauptverwaltungsgebäudes in Dortmund - von dem freilich in der Umsetzung kaum mehr als seine überaus kühnen diagonalen Linien übrig bleiben. Herdrich abstrahiert das architektonische Motiv bereits durch die Wahl des Bildausschnitts, durch die starke farbliche Verfremdung erzeugt sie zuletzt eine ebenso leuchtende wie kühle Ästhetik.

Pähl, Galerie Unteres Schloss, Ausstellung

Mit Fragen der Wahrnehmung beschäftigt sich, in der Tradition von Josef Albers, auch der 1946 geborene Künstler Carl Krasberg - allerdings mit den Mitteln der Malerei.

(Foto: Georgine Treybal)

Reflexionen in modernen Glasfassaden, Spiegelungen oder unendliche Wiederholungen eines einzelnen Architekturdetails und zahlreiche weitere Kunstgriffe aus der großen Schatzkiste der digitalen Bildbearbeitung bestimmen die Fotomontagen von Oliver Thiele, der als Künstler und Mediendesigner in Dießen lebt. Diese abweisend technischen Bilder stehen in einem geradezu befremdlichen Kontrast zu den heimelig dicken Mauern und den uralten knarzenden Dielen des altehrwürdigen Schlosses.

Ebenfalls kühl, glänzend und irritierend, dabei aber von großer Anziehung sind die Arbeiten des Freiburger Künstlers René Daniel Sieber: Sie erscheinen wie in einen Rahmen eingespannte dreidimensionale Farbobjekte, entstehen aber durch zwei übereinander gelegte Plexiglasplatten, die von zwei verschiedenen Seiten bedruckt wurden. Die fächerartigen Form- und Farbmuster verändern sich je nach Perspektive des Betrachters und erzeugen immer wieder neue optische Effekte.

Pähl, Galerie Unteres Schloss, Ausstellung

Eine Fotomontage von Oliver Thiele.

(Foto: Georgine Treybal)

Mit Fragen der Wahrnehmung beschäftigt sich, in der Tradition von Josef Albers, auch der 1946 geborene Künstler Carl Krasberg - allerdings mit den Mitteln der Malerei. Krasberg, der in den 1960er-Jahren an der Hochschule für Bildende Künste in Kassel studierte und später selbst Grundlagen der Gestaltung an der Fachhochschule Düsseldorf lehrte, ist mit einer Auswahl seiner Bilder vertreten, die aus winzigen Farbquadraten bestehen. Diese wiederum folgen Farbstufenreihen, sodass hellere und dunklere Bildzonen entstehen, die eine räumliche Tiefe suggerieren - wobei es der individuellen Wahrnehmung obliegt, was der Betrachter als "vorne" und was als "dahinter" einordnet.

Dieses Prinzip trifft nun in gewisser Weise auch auf die Malerei von Tobias Stutz zu. 1983 geboren, studierte er in Nürnberg und lebt heute im Rheinland. Häuser, Innenräume und Möbel sind wiederkehrende Themen in seinen Bildern. In Pähl zeigt er eine Reihe von kleineren Arbeiten, bei denen das Bildformat, sozusagen als "shaped canvases", den dargestellten Architekturmotiven folgt. So suggerieren diese objekthaften Miniaturen vorspringende Fassaden, Öffnungen, Kanten und Balkone - das Ganze jedoch nicht als formale Übung oder gar als Architekturdokumentation, sondern als durchaus geistreiches Spiel mit Sehgewohnheiten und nicht zuletzt mit dem Genre Malerei.

Pähl, Galerie Unteres Schloss, Ausstellung

Tobias Stutz: "Facade".

(Foto: Georgine Treybal)

In jedem der Ausstellungsräume prominent vertreten und mit seinen Arbeiten sozusagen jenseits aller Begrifflichkeiten zwischen Bild und Skulptur ist der Künstler Otto Scherer aus Stoffen bei Landsberg: Zwar entstehen Scherers Objekte und Reliefs durchweg aus Keramik, er verarbeitet diesen Werkstoff jedoch mit einer ungewöhnliche Präzision, die man sonst nur beim Einsatz für technische Zwecke in der Industrie kennt. Die makellosen Oberflächen schimmern in Platin oder Gold, für das Aufbringen in hauchdünnen Schichten hat der Künstler ein eigenes Verfahren entwickelt. Diese minimalistischen Plastiken und Reliefs sind Objekte - sonst nichts. Wenn sich jedoch die übrigen Exponate in den glänzenden Flächen von Kugeln, Halbkugeln oder Würfel spiegeln, dann entstehen auf ihnen neue schimmernde Bilder, die den Betrachter immer wieder aufs Neue zu verführen wissen.

Herdrich, Krasberg, Scherer, Sieber, Stutz, Thiele, Neue Perspektiven, Ausstellung Galerie im Unteren Schloss Pähl bis 29.11.2020, samstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr.

© SZ vom 15.10.2020
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