Das „Sperrgebiet“ tat sich unvermittelt inmitten des Ateliers von Susanne Mansen auf. „Ich versuche mich vor zu viel Internet und den Nachrichten vom Krieg zu schützen, denn in meiner Arbeit soll es auch um Poesie gehen“, sagt die Künstlerin. Das Foto der iranischen Rakete, die über dem türkischen Luftraum abgefangen worden war und danach auf einer Schafweide einschlug, ging ihr jedoch nicht mehr aus dem Kopf. Sie entrollte eine riesige Papierbahn und begann zu zeichnen: die Rakete und die Verwüstung, die sie angerichtet hatte. Den eilig aufgespannten Stacheldraht. Das Leid von Mensch und Kreatur. Ihre eigenen Gedanken über den „Menschen als invasive Art“. Dieser Tage wird Susanne Mansen das „Sperrgebiet“ zusammenrollen und es nach Possenhofen in den Ausstellungsraum bringen, den sie auch in diesem Jahr während der „Offenen Ateliers“ bespielen wird.
Susanne Mansen wurde 1959 in Flensburg geboren. Sie entstammt einer Künstlerfamilie und ist in Reutlingen aufgewachsen. Ihr Studium absolvierte sie an der Akademie der Bildenden Künste in München bei Hans Baschang, dessen Meisterschülerin sie auch war. Sie lebt in Tutzing und hat ein Atelier in Pöcking. Seit mittlerweile zwei Jahrzehnten beteiligt sie sich an den „Offenen Ateliers“, die alljährlich im Frühling an zwei aufeinanderfolgenden Wochenenden stattfinden. Ihre eigenen Räume im Dachgeschoss eines Wohnhauses in Pöcking sind nicht dafür geeignet, sie für Besucher zu öffnen.
Spektakuläre Rauminstallationen in einem aufgelassenen Industriegebäude
Das ist aber kein Problem mehr, seit sie vor einigen Jahren ein aufgelassenes Industriegebäude hinter dem Possenhofener Bahnhof entdeckte. Auf drei Etagen aus grauem Beton und altem Holz schuf sie dort zusammen mit der Keramikerin Ute Beck, die mittlerweile wieder in Stuttgart lebt, spektakuläre Rauminstallationen. Die beiden Schwäbinnen haben vor Jahren entdeckt, dass sie nicht nur durch ihren Dialekt verbunden sind, sondern auch durch ihren hintersinnigen Humor. Immer noch entstehen wundersam eigenwillige Gefäße, deren Formen von Ute Beck stammen und die Susanne Mansen mit ihren Zeichnungen von Tiermenschen und Menschentieren gestaltet.
Mit „Hiersein und Tiersein – Zufallsbekanntschaften“ hat Susanne Mansen ihre diesjährige Ausstellungsbeteiligung überschrieben. „Beim Zeichnen begegnen mir die merkwürdigsten Dinge“, sagt sie dazu. „Scheinbar aus dem Nichts tauchen tierische Gestalten auf, raumgreifende Pflanzen breiten sich aus und labyrinthische Wege umrunden dunkle Flecken.“ Meistens weiß sie nicht, was sie erwartet, wenn sie sich morgens an den Zeichentisch setzt.
Das Arbeiten, erläutert sie, ist wie ein Gespräch, das sie mit sich selbst führt. Dinge, die sie gelesen hat, Beobachtungen und Begegnungen auf dem Weg ins Atelier stehen oftmals am Anfang. „Das Auge folgt der Linie, die sich verästelt, Muster formt, sich zusammenballt, entzerrt und ins Fabulieren gerät“, sagt sie. Die Grenzen zwischen Sprache und Zeichnung sind dabei immer fließend. Susanne Mansen arbeitet intuitiv. Und sie arbeitet relativ schnell. „Aus Worten entwickeln sich Welten“, erzählt sie. Sie selbst amüsiere sich am meisten über das, was dann entsteht. Und das eigentliche Bild ist für sie nicht selten eine Überraschung.

Überraschungen wird aber vor allem der Betrachter dieser Zeichnungen entdecken, die mit großzügigen und doch leisen Linien auf Papier, oftmals aber auch mit verlaufender Tusche auf textilen Untergründen entstehen. Nicht selten werden sie mit aufgestickten Wörtern ergänzt und manchmal auch kommentiert. Eine dieser gezeichneten Kostbarkeiten erscheint wie ein Blick in ein menschliches Gehirn, in dem fragile Vernetzungen zwischen „Welt“, „Herz“ und „Schmerz“ aufscheinen und in dem es nicht weit zwischen „lustig“ und „verlustig“ ist.
Mansen, die seit vielen Jahren von der Münchner Galerie Françoise Heitsch vertreten wird, hat keine Berührungsängste: Sie stellt ihre bemalten Objekte und Dosen auch zwischen Kunsthandwerklichem aus. Als Verkaufsschlager bei den „Offenen Ateliers“ bezeichnet sie die bunten Fliesen, auf denen sie ihr heiter-nachdenkliches Tierpersonal aufmarschieren lässt. Manche Besucher seien in den letzten Jahren regelrecht zu Sammlern dieser Fliesen geworden, berichtet sie.
Die „Offenen Ateliers“ in Starnberg, Pöcking und Feldafing finden in diesem Jahr zum 28. Mal statt. Sie sind am 25./26. April und am 2./3. Mai jeweils von 14 bis 19 Uhr zu besichtigen. Neben Susanne Mansen öffnen Johannes Hofbauer, Ina Kohlschovsky, Susanne Palme-Waldemer, Ulrike Prusseit, Peter Schaller und Ursula Steglich-Schaupp ihre Türen, außerdem stellen zwölf Künstler als Gäste aus. Weitere Informationen unter: offene-ateliers-starnberg.de

