Wirtschaft„Ein bitterer Tag für Oberpfaffenhofen“

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Lilium-Chef Klaus Roewe posiert vor einem Flugtaxi-Modell seines Unternehmens.
Lilium-Chef Klaus Roewe posiert vor einem Flugtaxi-Modell seines Unternehmens. Angelika Warmuth/Reuters

Weil die Grünen im Bundestag ihre Zustimmung verweigern, stehen die Finanzspritzen für den Flugtaxi-Hersteller Lilium aus Oberpfaffenhofen auf der Kippe. In der Region stößt das auf wenig Verständnis.

Von Linus Freymark, Oberpfaffenhofen

Christoph Winkelkötter wählt drastische Worte, als er am Donnerstag den Hörer abnimmt. „Heute ist ein bitterer Tag für den Luft- und Raumfahrtstandort Oberpfaffenhofen“, erklärt er. Klar, die endgültige Entscheidung steht noch aus. Aber dennoch ist das, was Winkelkötter, Chef der Gesellschaft für Wirtschafts- und Tourismusentwicklung (GWT) den Online-Schlagzeilen der Zeitungen entnimmt, eine Hiobsbotschaft. Winkelkötter spricht von „einem Schlag für Oberpfaffenhofen“.

Grund für Winkelkötters Verstimmung ist eine Nachricht aus Berlin: Demnach erhält der Flugtaxi-Hersteller Lilium aus Oberpfaffenhofen wohl doch keine staatliche Unterstützung, weil die Grünen im Bundestag sich gegen die avisierte Staatsbürgschaft in Höhe von 50 Millionen Euro positioniert haben. Ihre Begründung: Es sei nicht die Aufgabe des Steuerzahlers, ein Start-up zu unterstützen, das nicht ausreichend Investorengeld akquirieren kann – erst recht nicht in Zeiten, in denen der Bund knapp bei Kasse ist.

Und weil die von der Bayerischen Staatsregierung angekündigte Bürgschaft über ebenfalls 50 Millionen Euro an die Bedingung geknüpft ist, dass der Bund denselben Beitrag leistet, könnte Lilium ganz ohne Staatshilfen dastehen. Die aber braucht das Unternehmen nach eigenen Angaben, um die Entwicklung seiner Flugtaxis voranzutreiben. Lilium hat zwar den Ruf eines innovativen Start-ups, hat bislang aber noch kein Taxi in die Luft gebracht und Verluste von insgesamt rund 1,5 Milliarden Euro gemacht. In der Vergangenheit hatte Lilium deshalb damit gedroht, aus Oberpfaffenhofen wegzuziehen und ins Ausland zu gehen.

Sollte es tatsächlich so kommen, wären die wirtschaftlichen Folgen für die Region enorm, befürchtet Winkelkötter. Zum einen gehe es um den Ruf Oberpfaffenhofens als internationaler Innovationsstandort, erklärt er. Gleichzeitig gehe es aber natürlich auch um Arbeitsplätze. Und dann hängt an einem Unternehmen mit rund 1000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ja auch noch viel mehr: Gewerbesteuer, die Kaufkraft der meist hoch qualifizierten Beschäftigten, Aufträge für Zulieferer. Winkelkötter wird in den kommenden Wochen viele Gespräche führen, um einen Wegzug des Unternehmens zu verhindern. Aber er weiß auch: „Die Bundespolitik können wir nicht beeinflussen.“ Auch Landrat Stefan Frey (CSU) erklärt, ein Rückzug Liliums wäre ein „herber Verlust“ für den Forschungsstandort Oberpfaffenhofen und „für neue Innovationen made in Germany kein gutes Signal“.

Bundeskanzler Olaf Scholz hatte sich zuletzt für eine Unterstützung von Lilium stark gemacht.
Bundeskanzler Olaf Scholz hatte sich zuletzt für eine Unterstützung von Lilium stark gemacht. Ralf Hirschberger/AFP

Auch bei den Koalitionspartnern der Grünen herrscht nach den jüngsten Entwicklungen Ernüchterung – erst recht bei Politikerinnen und Politikern aus der Region. „Deutschland kann es sich gerade nicht leisten, dass Industriearbeitsplätze der Zukunft verschwinden“, erklärt die Starnberger SPD-Bundestagsabgeordnete Carmen Wegge. Ihre Fraktion hätte dieser „klimaneutralen Zukunftstechnologie gern staatlich unter die Arme gegriffen“. Dass das nun wohl nicht möglich ist, bedauert die SPD-Politikerin. „Leider gab es für diese wirtschaftspolitische Überzeugung keine Mehrheit in der aktuellen Koalition“, so Wegge.

In der FDP ist man über die Entwicklungen in Berlin enttäuscht. „Es ist für den Landkreis Starnberg ein Gewinn, ein Innovationscluster zu haben“, erklärt der Kreisvorsitzende Paul Friedrich. „Dazu gehört Lilium!“ Auch Britta Hundesrügge, die zusammen mit Friedrich den Kreisvorsitz innehat, zeigt sich besorgt. „Ich mag mir gar nicht ausdenken, welche Folgen für unseren Landkreis entstehen, wenn die Finanzhilfen für Lilium weiter blockiert werden“, sagt die stellvertretende Landrätin.

Aus Sicht von GWT-Chef Winkelkötter ist nun vor allem eines wichtig: Klarheit für alle Beteiligten. Denn das letzte Wort ist in Berlin noch nicht gesprochen. Nicht nur Lilium brauche Planungssicherheit. Sollte das Unternehmen tatsächlich wegziehen, müssten ja auch die bislang von Lilium belegten Flächen neu belegt werden. Und das sei gar nicht so einfach, trotz der vielen Anfragen. „Es kommen spannende Wochen auf uns zu“, sagt Winkelkötter.

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