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Nostalgie:Dieser Entrümpler sammelt Ansichtskarten vom alten Starnberg

Wolfgang Otto Koellreutter stößt bei Wohnungsauflösungen auf Schätze. Wer seine Alben öffnet, blickt in vergangene Zeiten.

Ab und zu hat Wolfgang Otto Koellreutter Glück. So wie vor einiger Zeit in Tutzing. Da fand er einen Koffer, versteckt auf einem Dachboden, wahrscheinlich jahrzehntelang vergessen. Als Koellreutter ihn öffnete, fiel ihm ein riesiger Haufen alter Postkarten entgegen. Darauf Motive vom Starnberger See, von den Orten drumherum, so, wie es hier früher einmal ausgesehen hat. Für Koellreutter ein wahrer Schatz, er sammelt solche alten Ansichtskarten aus der Region.

Koellreutters Glück beginnt in der Regel, wenn andere ihres verlässt. Wenn jemand ins Altenheim muss zum Beispiel, oder wenn jemand stirbt. Dann ruft einer der Angehörigen bei Koellreutter, 56, an und sagt, dass es Arbeit gibt. Seit mehr als 20 Jahren entrümpelt er verlassene Wohnungen im Fünfseenland. "Wohnungs- und Haushaltsauflösungen" steht auf seiner Visitenkarte. Wobei, "auflösen", das klingt ihm eigentlich zu hart. Steckt ja oft ein ganzes Leben in so einer Wohnung.

Andere Entrümpler, sagt Koellreutter, kämen einfach mit ihrem Laster an, schlügen die Möbel kaputt, packten die Einrichtung in Kisten und führen alles auf den Müll. Koellreutter macht das nicht. Erstens, weil er findet, dass jeder einen wertschätzenden Umgang mit seiner Habe verdient hat. Das schmeißt man nicht einfach weg. Auch wenn der Besitzer das in den meisten Fällen gar nicht mehr mitbekäme. Und zweitens, weil da ab und zu eben Schätze verborgen sind. So wie die Postkarten.

Koellreutter fand irgendwann so viele davon, dass er beschloss, sie aufzuheben. Ein gutes Dutzend dicke, in rotes Leder eingebundene Alben füllen sie mittlerweile. Koellreutter sortiert sie akribisch: Es gibt Alben mit Ansichten Rosenheims, von Berlin, München, Weilheim. Nur von Starnberg und Umgebung sind es mittlerweile so viele, dass sie nicht mehr in den dafür vorgesehenen Ordner passen.

Wer die Alben öffnet, blickt in vergangene Zeiten. Da ist zum Beispiel das Undosa, vermutlich Deutschlands erstes Wellenbad, fotografiert Anfang des 20. Jahrhunderts. Das Bad ist längst abgerissen. Am Maisinger Seehof steht um 1900 eine Frau in weißem Kleid am Ufer. Sie wartet womöglich auf einen Ruderer, der vor ihr im Boot sitzt. Auf dem Tutzinger-Hof-Platz parken auf einer Aufnahme aus den 1950ern VW Käfer vor dem Gasthof. Die Gaslaterne, die auf der Kreuzung steht, ist längst einer elektrischen gewichen.

Als Koellreutter ein Bub war, hat er vieles vom "alten Starnberg", wie er es nennt, noch erlebt. Er ist in Söcking aufgewachsen, auch von dort hat er viele Postkarten. Ein Schatzsucher war Koellreutter schon damals, durchwühlte Sperrmüll nach Kuriosem. Dann zog er mit einem Metalldetektor durch die Gegend, immer auf der Suche nach verlorenen Kostbarkeiten. Später gab er seinen Job als Maler auf, um sich als Entrümpler selbständig zu machen. Perfekt für einen Sammler. Schon der muffige Geruch alter Pappe fasziniert ihn, und wie kunstvoll manche Postkarte früher noch bedruckt und geprägt wurde. "Hach, ich liebe es", schwärmt Koellreutter. "Wenn ich Ansichtskarten finde, vergesse ich alles um mich herum." Er liest sich dann auch durch, was die Absender draufgeschrieben haben. Denn: "Jede Karte erzählt eine Geschichte", sagt Koellreutter. So berichtet einer von seinem Ausflug nach München. Wie schön das sei, auf dem Viktualienmarkt Weißwürste zu essen, schreibt er seiner Gattin. "Macht heute kein Mensch mehr", sagt Koellreutter. Da schickt man höchstens ein Handyfoto und ein paar Zeilen, die gleich wieder vergessen sind.

Seine Sammelleidenschaft hat auch etwas mit Sehnsucht nach der guten, alten Zeit zu tun. "Als Starnberg noch nicht mit so vielen hässlichen Bauten verschandelt war wie jetzt", sagt Koellreutter. Klar, einige Ecken in Starnberg findet er auch heute noch schön. Die Wittelsbacherstraße beispielsweise, oder die Maximilianstraße. So oder so ähnlich sah Starnberg mit einer Mischung aus Gründerzeitbauten und Landhäusern vor dem Zweiten Weltkrieg fast überall aus. Und auch kurz danach, Bomben fielen auf die Stadt ja kaum. "Ich verstehe nicht, wie man so viele schöne Bauten ohne Not abreißen und durch hässliche Geschäftshäuser ersetzen konnte", sagt Koellreutter. Die Stadt, findet er, hat sich gewissermaßen selbst zerstört.

Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass seine Postkarten in der Facebook-Gruppe "Starnberg schafft sich ab" besonders gut ankommen. Da sind viele Mitglieder ohnehin überzeugt, dass hier früher alles besser war. Die Idee mit Facebook kam ihm spontan. Jetzt sitzt er bei schlechtem Wetter an seinem Computer und scannt seine schönsten Karten. Seit ein paar Wochen postet er sie in verschiedenen Starnberger Facebook-Gruppen. "Das war wirklich eine schöne Zeit, gemütlich und harmonischer als heute", schreibt eine unter ein altes Luftbild von der Stadt. "Sehr geil! Weiter so", kommentiert ein anderer.

Neulich, erzählt Koellreutter, habe ihn sogar ein Verleger angerufen. Ob er nicht ein Buch mit Postkartenmotiven veröffentlichen wolle? Koellreutter lehnte ab. Ihm fehlt die Zeit, er hat ja schließlich neben der Sammelei ein Geschäft zu führen. Und überhaupt, wer interessiert sich heute noch für Bücher? "Im Job muss ich so viele entsorgen, weil sie niemand mehr haben will", sagt Koellreutter. Er bleibt lieber beim Internet, da kann er Leute erreichen.

Dabei sieht sich Koellreutter nicht etwa als Ortshistoriker. Die Postkarten sind sein Hobby. Er habe zwar dem Tutzinger Hof einige Karten zukommen lassen, die das Haus in früheren Zeiten zeigen, sagt Koellreutter. Aber mit Museen oder Archiven arbeitet er bis jetzt nicht zusammen. Vielleicht bekommen die später etwas ab von Koellreutters Sammlung. Wenn einmal sein eigener Haushalt aufgelöst wird, soll jedenfalls kein anderer Entrümpler kommen und die schönen Ansichtskarten einfach wegwerfen.

© SZ vom 21.03.2020
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