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Neue Technologien:Gilchinger Firma will Kommunikation im All vorantreiben

Mynaric ist die erste Landkreis-Firma seit langem, die an die Börse gegangen ist. Mit den so erlösten 27 Millionen Euro soll Highspeed-Kommunikation in der Luft ausgebaut werden.

In kleinen Maßstäben zu denken, das ist nicht das Ding von Wolfram Peschko. Der Vorstand der Mynaric AG hat das Unternehmen gerade erfolgreich an die Börse gebracht und durch den Verkauf von etwa 500 000 gezeichneten Aktien zirka 27 Millionen Euro frisches Kapital eingesammelt. Es ist der erste Börsengang eines Unternehmens aus dem Landkreis Starnberg seit mehr als zehn Jahren. "Mit diesem Geld wollen wir die Entwicklung von Kommunikation über Lasertechnologie in der Luft, in der Stratosphäre und im All vorantreiben", kündigt Peschko an. Eine Art superschnelles Internet über den Wolken sozusagen.

Denn eines ist klar: Die Datenmengen werden weltweit weiter exponentiell steigen, die Frage ist, wie man sie schnell dahin tranportiert, wo sie gebraucht werden. Funknetze wie für Handys aufbauen, oder Glasfaserkabel verbuddeln? Zu langsam, zu teuer. Die Antwort liegt im Laser, davon ist Peschko überzeugt. Auf diesem Hochtechnologie-Gebiet sieht sich Mynaric als weltweit führendes Unternehmen.

Zwei Tüftler aus dem Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt (DLR) - Markus Knapek und Joachim Howath - haben jahrzehntelang an dem Thema gearbeitet, Grundlagenforschung betrieben, weiterentwickelt, und geforscht - bis die Technologie nach Ansicht des DLR in Oberpfaffenhofen marktreif war. Deutsche Spitzentechnologie, die aber lange bei der DLR schlummerte. Bis 2009. Dann wurde Vialight - "über Licht" -, wie die Firma damals hieß, von den beiden gegründet. Die Technologie gab es quasi als Geburtstagsgeschenk in Form eines Lizenzabkommens mit dem DLR. Das Spin-off bezog Räume im benachbarten Astopark.

2011 stieß der studierte Physiker Peschko dazu, bisher Geschäftsführer mittelständischer Unternehmen, dazu. Er brachte Erfahrung mit, wie man Startups auf Wachstumskurs trimmt. "Das DLR ist wie ein Naturschutzgebiet, in dem man forschen und entwickeln kann, aber auf dem freien Markt herrschen ganz andere Gesetze, mit denen Wissenschaftler sich häufig nicht auskennen", sagt Peschko. Was der Hauptgrund dafür ist, warum in Deutschland viele Startups zwar Hochtechnologie haben, sie aber nicht verkaufen können und pleite gehen. "Mein Job ist es, Technik möglichst einfach an Investoren zu verkaufen", erklärt Peschko seine Aufgabe.

2009 war der "Knackpunkt" in der kurzen Geschichte des Startups. "Wir hatten ein Zimmer, drei Schreibtische, eine Idee, sonst nichts. Wir haben uns gefragt, ob wir eine Engineering-Bude bleiben oder was ganz Großes aufziehen wollen", erinnert sich Peschko. Die Antwort war, schon aus einem einleuchtenden Grund: "Wenn du mit Firmen wie Google und Facebook zusammenarbeiten willst, musst du groß werden und brauchst Investoren, die in ganz anderen Größenordnungen denken."

Mynaric AG, Unternehmen aus Gilching, das sich mit Laserkommunikation beschäftigt
und vor kurzem an die Börse gegangen ist.
Symbolbilder, wie das System funktioniert

Tausendmal schneller als Funk: Mynaric setzt auf Laserkommunikation via Satellit.

(Foto: Mynaric AG)

Vor dem Börsengang hatte Mynaric bereits etwa zehn Millionen Euro in die technische Entwicklung und den Unternehmensaufbau samt einer amerikanischen Tochtergesellschaft gesteckt - Geld, das von privaten Investoren stammte. Mit den jetzt eingesammelten 27 Millionen Euro von der Börse stehen die Weichen auf Wachstum. An der AG halten die beiden Gründer und Peschko zusammen Anteile von knapp unter 40 Prozent. Horwath ist heute sozusagen der Cheftechniker, während Knapek sich um den Dialog mit den Kunden kümmert. 65 Mitarbeiter hat Mynaric zurzeit, davon 30 Entwickler. "Die Zahl wird sich in einem Jahr nahezu verdoppeln", erwartet Peschko. Ingenieure zu finden, sei für Mynaric nicht so schwierig. "Luft- und Raumfahrt ist für junge Ingenieure cool, die Autoindustrie dagegen eher old school", so Peschkos Erfahrung.

Und wie funktioniert Laserkommunikation über den Wolken? Mit einem kurzwelligen Laser lassen sich Daten ungefähr 1000 Mal schneller übertragen als mit herkömmlicher Funktechnologie, wie sie bei Handys üblich ist. Das Technologiegeheimnis steckt in einem Laserterminal, das ans Flugzeug, den Ballon in der Stratosphäre oder einen Satelliten im All angebracht wird. Gegenstück auf der Erde ist eine Empfangsstation, die bidirektional mit einem hochpräzisen Laserstrahl in Verbindung steht. Die Optik wird akkurat nachgeführt, weil sich Flugzeuge schnell bewegen. "Dass dies funktioniert, haben wir bereits 2013 mit einem Tornado-Jet bewiesen, den uns Airbus zur Verfügung gestellt hat", sagt Peschko.

"Und so ein Tornado ist ein böses Ding für unsere Technologie. Er rüttelt und schüttelt sich, dann ist da der Nachbrenner, und bei unserem Testflug war der Tornado 750 km/h schnell. Die Verbindung mit dem Laserstrahl hat geklappt", sagt Peschko. Er fügt hinzu, und es klingt ein bisschen stolz: "Wir sind die einzigen, die das können. Das hat uns bisher keiner nachgemacht." Eine Technologie, für die sich eigentlich auch die Militärs sofort interessieren müssten. "Die tun das auch, aber wir haben beschlossen, uns hauptsächlich auf das zivile Geschäft zu konzentrieren, weil wir da viel größeres Marktpotenzial sehen", sagt der Mynaric-Vorstand.

Um superschnelles Internet in den Lüften aufzubauen, werden die Flugzeuge, die Ballons oder in einer späteren Phase auch einmal die Satelliten miteinander vernetzt. "Der Laser ist so schnell wie ein Glasfaserkabel, in dem die Informationen ja auch mit einem Laserstrahl transportiert werden", sagt Peschko. "Nur dass eben keine Kabel verbuddelt und Leitungen gelegt werden müssen." Auch riesige Parabolantennen, um mit den Satelliten zu kommunizieren, sind nicht nötig. Der Effekt: "Unser Lasersystem wird günstiger, auch durch steigende Stückzahlen, und ist damit für den Markt interessant", so Peschko. Wie er die Marktchancen für Mynaric einschätzt, erklärt er mit Zahlen: Die weltweit transportierte Datenmenge beträgt zurzeit monatlich mehr als 100 Milliarden Gigabyte - und sie verdoppelt sich alle vier Jahre. Eine weitere beeindruckende Zahl: "Schon heute sind fast drei Mal mehr Geräte mit dem Internet verbunden, als es Menschen auf der Erde gibt. Diese Entwicklung ist in der Zukunft nur mit fliegenden Netzwerken in der Luft und im Weltall fortsetzbar."

Mynaric AG, Unternehmen aus Gilching, das sich mit Laserkommunikation beschäftigt
und vor kurzem an die Börse gegangen ist.
Symbolbilder, wie das System funktioniert

Die Chefs von Mynaric posieren vor der Frankfurter Börse: Markus Knapek, Wolfram Peschke und Joachim Howath (von links).

(Foto: www.martinjoppen.de)

Zu den von Mynaric angepeilten Kunden für die Laserkommunikation könnten Unternehmen gehören, die riesige Datenmengen sicher, schnell und kostengünstig übertragen wollen. Da fallen selbst einem Laien Google und Facebook ein, auch wenn Peschko diese Namen nicht explizit nennen will. "Wir liefern die Kerntechnologie. Und wir haben bewiesen, dass es funktioniert." US-amerikanische Kunden hätten natürlich zunächst in den Staaten nach Kooperationspartner gesucht. "Sie haben aber keine gefunden, die das können, was wir anbieten."

Ein Dutzend Systeme wurde bisher für den Testbetrieb gebaut. 2018 sollen bis zu 100 Terminals in Gilching montiert und dann verkauft werden. Es könnte gut sein, dass weltumspannende Netzwerke in einigen Jahren mehrere Tausend Terminals benötigen werden. Bodenstationen und Laserterminals kosten heute in kleiner Stückzahl zwischen 500 000 und einer Million Euro pro Stück. Die Endmontage findet jetzt noch in den Räumen statt, die Mynaric in verschiedenen Etagen im Astopark gemietet hat. Damit soll 2019 Schluss sein, Mynaric bezieht dann im Gewerbegebiet Gilching Süd einen eigenen Firmensitz, der gerade gebaut wird, mit vier Stockwerken und 1500 Quadratmetern für die Endmontage. "Hoffentlich reicht das aus, wenn es fertig ist", sagt Peschko. Unklar ist auch noch, wie der Aktienkurs von Mynaric in ein paar Jahren sein wird. Bis jetzt hätten die Anleger gutes Geld verdient. Der Ausgabekurs betrug 54 Euro, die Aktie pendelt aktuell um die 64 Euro. Doch, und das ist allen Anlegern klar: Firmen wie Mynaric sind ein langfristiges Engagement.

Bleibt nur noch die Frage, was der Firmennamen zu bedeuten hat. PR-Chef Sven Meyer-Brunswick erklärt: "Wir haben mindestens 1000 Varianten durchgespielt. Dann habe ich in Wikipedia und in Nachschlagewerken nach geeigneten Vögeln gesucht, die ja auch in der Luft miteinander kommunizieren." Und so stieß er auf den Beo, auf Englisch "Myna". "Der Beo hat ein munteres Wesen und eine ausgesprochene Sprachbegabung", sagt Meyer-Brunswick. Er kann Sprache nachahmen und auch mit anderen Vogelarten kommunizieren. Das ideale Vorbild für Mynaric und das Super-Internet in der Luft.

© SZ vom 04.12.2017
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