Künstler können immer arbeiten, sogar beim Corona-Shutdown. Im Atelier, Studio, Übungsraum. Solange sie aber ihre Arbeit nicht auf der Bühne oder in der Galerie präsentieren können, verdienen sie kein Geld. Auch nicht mit Events im Internet, die derzeit den Eindruck erwecken, als hätten Künstler damit die Krise gemeistert. Signale in Richtung eines erneuten Shutdown verunsichern nun wieder die Konzertgänger, obgleich bisher keine Ansteckungen bei klassischen Kulturveranstaltungen verzeichnet wurden und die Sicherheitsstandards dort streng gehandhabt werden.
Noch rette ihn die GEMA-Ausschüttung vom vergangenen Jahr, sagt Johannes X. Schachtner aus Gauting, der als Komponist über einen gewissen Handlungsspielraum verfügt, als Dirigent, Chorleiter und Pianist indes nach langer Pause nun allenfalls auf Sparflamme agieren kann. "Ich habe die Situation verhältnismäßig gut überstanden", entgegnet er auf die Frage, ob er über die Runden komme.
Künstler sind hierzulande nicht gerade verwöhnt, zeitgenössische Komponisten ernster Musik schon gar nicht. Der Stellenwert sei in anderen Ländern weit höher angesiedelt, so Schachtners Erfahrung. Dass er beim internationalen Wettbewerb Musica Sacra Nova in Rom (im päpstlichen Institut für Kirchenmusik) schon im Februar mit einem dritten Preis in der Kategorie der "Werke mit einem lateinischen liturgischen Text für 4-6 Stimmen und Orgel ad libitum" ausgezeichnet wurde, ist hierzulande kaum wahrgenommen worden, obgleich dieser Wettbewerb zu den wichtigsten in Europa gehört.
Kirchenmusik sei bei uns eher eine Nische, konstatiert Schachtner. Seine "Missa brevissima" hatte er schon 2006 begonnen, der Wettbewerb war für ihn eine gute Gelegenheit, sie zu vollenden. Die prämierten Kompositionen sollen am 22. Oktober im polnischen Gdańsk (Danzig) uraufgeführt werden, wo Kirchenmusik einen hohen Stellenwert genießt und wo man der Kreativität der Komponisten mit Bewunderung begegnet. Normalerweise fände im Erzbistum Köln ein Festival der Preisträger statt, doch coronabedingt fällt es dieses Jahr aus.
Wenn es die Situation erlaubt, möchte Schachtner in Polen dabei sein, nicht zuletzt, um die Werke der beiden Erstplatzierten zu hören. Vor allem der Siegerin Fé Yuen aus Hongkong, die mit ihren erstaunlichen neun Jahren nicht die erste Jury zu überzeugen vermochte. In den asiatischen Ländern gelte mehr die handwerkliche Perfektion, so der Unterschied zu den westlichen Komponisten, die eher nach Individualität streben, sagt Schachtner. Ob Fé Yuen ein Mozart des 21. Jahrhunderts wird, sei daher abzuwarten.
"Ich bin grundsätzlich ein großer Optimist", sagt der in Gauting lebende Komponist, doch die aktuelle Situation habe ihm alle Möglichkeiten genommen, Pläne zu schmieden und neue Projekte anzugehen. Lediglich Bearbeitungen großer Werke für eine reduzierte Besetzung würden jetzt angefragt, stellte Schachtner fest, da Vollbesetzungen wegen der Abstandsregeln kaum umsetzbar seien. Seine "kleine Fassung" der Cäcilien-Messe von Charles Gounod bot sich daher gerade an, eine Aufführung mit seinem "collegium:bratanianum" zu realisieren. Die große Aula der neuen Realschule - "bester Saal in Gauting" - bot den nötigen Platz dafür.
Abgesehen von einer CD-Aufnahme des Fauré-Requiems für Vokalensemble, Viola, Akkordeon und Klavier aus seiner Feder will sich Schachtner aber jetzt nicht weiter mit Reduktionen bestehender Werke befassen, sondern die verfügbare Zeit dafür nutzen, längst angedachte große Vorhaben anzugehen. So steht endlich die erste Symphonie auf dem Plan. Einige Orchesterwerke hat er schon komponiert, bisher Poems, doch die Auseinandersetzung "mit dem Topos Symphonie, vor allem romantische Symphonie" steht noch aus, und da hänge die Messlatte sehr hoch. "Zu spätromantische Eskapaden" heißt doppelbödig Schachtners Symphonie, was andeutet, dass es um ein Spiel mit tradierten Konnotationen geht, die in der heutigen Zeit aber durchaus ins Gegenteil umkippen können. Wie etwa die Thematik der Jagd, die mit dem Horn und mit versteckten Jagdsignalen zu hören sein wird. Heute seien diese Klänge eher mit Naturschutz und der Sehnsucht nach dem Wald assoziiert, was den romantischen Elementen einen neuen Sinn gibt. Ob es auch mal eine Schachtner-Oper geben wird? "Das reizt mich schon sehr", sagt er mit deutlichem Respekt vor der Gattung, "es ist wirklich nicht leicht". Ein gutes Libretto könnte den Anstoß geben, aber das sei noch nicht so klar in Sicht.
Ein Vokalwerk, "I Quattro Sonetti Vivaldiani", entstand erst kürzlich: Die Vertonung der Sonette von Vivaldi, die er für "Die vier Jahreszeiten" als inhaltliches Programm geschrieben hatte. Tableau-artig sind darin Vivaldi-Zitate untergebracht, doch die Solo-Violine spielt bei Schachtner nicht die erste Geige, sondern eine Alt-Stimme, begleitet von Cembalo und Streichquartett.
Johannes X. Schachtner kümmert sich auch um die Nachwuchsförderung. An diesem Samstag steht er am Pult der von Julia Fischer initiierten Kindersinfoniker in der Starnberger Schlossberghalle (18 Uhr). Und zur 6. Gilchinger Kunst- und Kulturwoche führt Schachtner mit dem von ihm mitgegründeten Ensemble JU[MB]LEx (Alumni des Jugendensembles für Neue Musik Bayern) Ballettmusik von Wolfgang Zoubeck auf: "Peterchens Mondfahrt" erklingt am 17. Oktober, 19.30 Uhr, und am 18. Oktober, 18 Uhr, im Gilchinger Gymnasium.
