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Neue Bürgermeisterin in Dießen:"Jetzt heißt es zusammenhalten"

Die Corona-Krise wirbelt auch die Planungen in Dießen durcheinander. Die neue Bürgermeisterin Sandra Perzul hofft trotz der absehbaren Finanzprobleme, dass die Marktgemeinde günstigen Wohnraum schaffen und das öffentliche Verkehrsnetz ausbauen kann.

Von Armin Greune

Zum ersten Mal wird vom ersten Mai an eine Frau die Geschicke der Marktgemeinde Dießen lenken. Sandra Perzul tritt die Nachfolge von Herbert Kirsch an, der 24 Jahre lang als Bürgermeister amtierte. Die Kandidatin der Dießener Bürger erhielt bei der Stichwahl gegen Florian Zarbo (Freie Wähler) 55,8 Prozent der Stimmen. Bislang hat Sandra Perzul noch nicht aktiv in der Kommunalpolitik mitgewirkt, bis Ostern war sie in der Agentur für Arbeit Weilheim für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

SZ: Konnten Sie sich auf den Amtsantritt wie ursprünglich geplant vorbereiten?

Sandra Perzul: Eigentlich war ich vom 20. bis zum 22. April zu einem Einführungsseminar für angehende Bürgermeister in Fürstenfeldbruck angemeldet. Das wurde abgesagt, wann und wie es nachgeholt wird, muss sich zeigen. Dafür war ich bereits ein paarmal im Rathaus und habe dort mit Bürgermeister Herbert Kirsch und Geschäftsleiter Karl-Heinz Springer einige Formalitäten geklärt.

Was wollen Sie als Rathauschefin als erstes anpacken?

Zum einen will ich intern alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vom Rathaus bis zum Bauhof kennenlernen und mit ihnen sprechen, soweit das möglich ist. Mit dem Gemeinderat gilt es abzuklären, welche Planungen weiter vorangetrieben und welche vorerst zurückgestellt werden sollen. Auch will ich mit den Dießener Gewerbetreibenden ins Gespräch kommen, um zu sehen, wie es den Firmen aktuell geht. Zu Themen wie Kurzarbeit und Insolvenzen kann ich meine Erfahrungen in der Agentur für Arbeit einbringen oder wenigstens Kontakte vermitteln.

Sandra Perzul

Sandra Perzul Dießener Bürger Bürgermeisterkandidatin

(Foto: privat)

Wissen Sie schon, wann Sie das erste Mal öffentlich als Bürgermeisterin auftreten werden?

Corona macht es uns derzeit nicht leicht. So wie es jetzt aussieht, wird wohl am 11. Mai die erste Gemeinderatssitzung mit allen Vereidigungen stattfinden.

Und welche Aufgaben stehen in diesem Gremium als erstes an?

Gemeinsam müssen wir in den kommenden Wochen Prioritäten festlegen. Wir wissen derzeit noch nicht, was mit der Corona-Krise auf die Finanzen zukommt. Im Vorfeld werde ich mich mit der Verwaltung zusammensetzen, um die Lage einzuschätzen: Was ist dringend erforderlich, was schon ausgeschrieben? Diese Ergebnisse werden wir im Gemeinderat besprechen. Jetzt heißt es zusammenhalten und gemeinsam an einem Strang ziehen.

Die zentralen Themen in Dießen sind wie vielerorts die Wohnungsnot und Verkehrsprobleme.

Vor der Coronakrise waren sich eigentlich alle einig, dass wir in Dießen mehr günstigen Wohnraum schaffen wollen - entweder mit einer kommunalen Wohnbaugesellschaft oder einem Genossenschaftsmodell. Jetzt muss man erst schauen, was nach dem Shutdown für die Gemeinde noch finanziell möglich ist. Und natürlich hoffen wir alle auf einen Ausbau des öffentlichen Personenverkehrs mit einem Anschluss nach Herrsching sowie besserer Anbindung nach Landsberg. Ich bin schon sehr gespannt, was der landkreisweite Nahverkehrsplan für Optionen ergibt, der gerade im Landratsamt erstellt wird.

Im Dießener Gemeinderat sitzen künftig Vertreter von acht Gruppierungen. Wo sehen Sie die unterschiedlichen Standpunkte etwa von Dießener Bürgern, Freien Wählern und Unabhängigen Wählern?

Im Wahlkampf und auch bei der Podiumsdiskussion der Bürgermeisterkandidaten hat man gesehen, dass eigentlich alle Gruppierungen bei den entscheidenden kommunalpolitische Themen nicht weit voneinander entfernt sind. Da bin ich auch froh darüber. Die Kommunalwahl war eindeutig eine Persönlichkeitswahl - da spielt die Listenangehörigkeit keine große Rolle. Natürlich haben auch Aspekte wie Geschlecht, Beruf oder Alter Bedeutung. Beim letzten Punkt lag ich halt als Einzige genau in der Mitte.

Sandra Perzul

Die Tochter des Wasserschutzpolizisten Manfred Ernst und der Realschulsekretärin Claudia Ernst wuchs in Dießen auf, ihr Abitur legte sie in St. Ottilien ab. Schon in der Schulzeit begann Perzul, für das Lokalblatt Ammerseekurier aus Gemeinderatssitzungen in Utting und Schondorf zu berichten. Sie studierte an der Fachhochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung der Bundesagentur für Arbeit in Mannheim und war seitdem bei der Agentur für Arbeit Weilheim tätig - zuletzt acht Jahre lang als Leiterin der Pressestelle. Perzul war bis zu ihrer Nominierung als Bürgermeisterkandidatin der Dießener Bürger kommunalpolitisch nicht aktiv, aber sie engagiert sich seit zehn Jahren im Bezirk Dießen beim Katholischen Frauenbund, sie wurde dort zwei Mal in das Vorstandsteam gewählt und ist aktuell noch Sprecherin des Gremiums. Am 23. April feiert sie 41. Geburtstag, Perzul ist verheiratet und hat einen Sohn im Grundschulalter. arm

Wie sind Sie denn zu den Dießener Bürgern gestoßen?

Deren Vorsitzende Antoinette Bagusat hat mich im Februar 2019 gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, für die Gruppe als Bürgermeisterin zu kandidieren. In den letzten Monaten habe ich ein tolles Team mit vielen engagierten Mitgliedern kennenlernen dürfen, wofür ich sehr dankbar bin.

Ihr Amtsvorgänger Herbert Kirsch gehört ja auch den Dießener Bürgern an. War er eine Art Mentor für Sie?

Natürlich war und bin ich froh, Herbert Kirsch mit seinen 24 Jahren Erfahrung in meiner Gruppierung zu haben, den ich bei Fragen zu bestimmten Themen oder vergangenen Entscheidungen im Marktgemeinderat kontaktieren kann. Ich kenn' ihn ja schon länger: erst als freie Mitarbeiterin für den Ammerseekurier, später als Vorstandsmitglied des katholischen Frauenbunds. Dennoch ist es mir wichtig, künftig eigene Entscheidungen zu treffen und auch neue Wege zu gehen. Ich denke, der neue Gemeinderat ist eine gute Mischung aus erfahrenen Mitgliedern, die ihr Wissen einbringen, und neuen Gesichtern, die frischen Wind mitbringen. So soll es sein!

Zur Zeit sind Sie ja noch Vorstandssprecherin im Bezirk Dießen des katholischen Frauenbunds. Wie soll es da weitergehen?

Wir sind ja ein Vorstandsteam von fünf Frauen plus fünf Beisitzerinnen, Öffentlichkeitsarbeit und kirchlichem Beistand. Da besteht erst einmal keine Eile, im nächsten Jahr stehen sowieso Neuwahlen im Vorstand an. Es liegt mir sehr am Herzen, dass der Frauenbund Dießen 2023 sein 100-jähriges Bestehen feiern kann. Wir brauchen dafür noch ein paar engagierte Damen, die sich einbringen und mithelfen wollen. Der Dießener Frauenbund muss weiter bestehen, ist er doch für viele Mitglieder eine wichtige Anlaufstelle und Treffpunkt.

Sie sind stark in der Kirchengemeinde engagiert. Welche Rolle spielt der christliche Glauben in ihrem Leben?

Ich bin schon gläubig - auch wenn ich nicht immer damit einverstanden bin, was derzeit in der Institution Kirche abläuft. Ich denke, unser Handeln und Tun hat alles seinen Sinn, auch wenn wir es oft erst später erkennen und begreifen. Darum bin ich auch stolz, wie engagiert der Dießener Frauenbund bei kirchlichen Feiern ist, und versuche, mich hier mit einzubringen. Im Moment aber beschäftigt uns zuhause die Frage, was aus der Kommunion meines Sohnes wird. Die war eigentlich für den 10. Mai vorgesehen, aktuell wird nun der 28. Juni angedacht.

© SZ vom 28.04.2020

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