Kennt ihr eigentlich Epimenides, den Kreter? Er gilt als Erfinder des Paradoxons und beschäftigt schon seit Jahrhunderten ganze Heerscharen von Philosophen mit dem schönen Satz: „Alle Kreter sind Lügner.“ Das muss man sich durch den Kopf gehen lassen: Wenn es stimmt, was er sagt, dann hat auch er gelogen. Doch wenn er, der Kreter, gelogen hat, dann ist der Satz wahr. Kommt ihr noch hinterher? Anderes Beispiel: Ich lüge jetzt, das ist die Wahrheit. Oder: Dieser Satz ist falsch! Denkt nur mal drüber nach.
Allerdings: Wassergeister lügen nicht! Wir flunkern vielleicht ein bisschen, verdrehen Fakten, dichten was hinzu. Aber lügen? Nein! Deshalb habe ich mich heute entschlossen, euch die Wahrheit zu sagen, offen und ehrlich, schonungslos. Mich gibt es nämlich gar nicht! Ich wohne nicht im See, fahre kein grünes Mofa, trage keine Lederhose, habe keine Nepomuka, kann nicht fliegen, bin nicht verwandt mit Pumuckl, Plumpaquatsch oder dem Klabautermann, bin weder unsichtbar noch 1000 Jahre alt. Humbug, Quatsch, Killefit, alles erstunken und erlogen. Ich bin „ein Produkt gewissenloser Zeitungsschmierer, die mich erfunden haben, um sich anonym über andere Menschen lustig machen zu können“. So stand es jedenfalls geschrieben im allerersten „Nepomuk“ vom 28. Mai 1996.

Ich bin jetzt also 29 Jahre und drei Tage alt. Das heißt: 348 Monate habe ich euch, ihr treuen SZ-Leserinnen und Leser, mit 1513 Beiträgen dieser tollen Kolumne beglückt. Das war nicht immer leicht: Den Erfinder des „Nepomuk“ verließ seinerzeit nämlich schon bald die Lust, sich ständig etwas Lustiges auszudenken. Doch die Starnberger Redaktion liebte ihren Nepomuk – mal mehr, mal weniger.
Es gab Zeiten mit Überangeboten an Themen, dann wiederum herrschte windige Flaute. Oft genug wurden Redakteure, freie Mitarbeiter oder willige Praktikanten zwangsverpflichtet, den Muckl zu schreiben, für manche war es gar der Auftakt zu einer Karriere als „SZ-Edelfeder“. Einige Texte waren wahre Perlen, andere dagegen - na ja. Es gab Autoren, denen die Erkenntnisse geradezu aus der Feder quollen. Andere brauchten Wochen, wenn nicht sogar Monate für einen halbwegs brauchbaren Text. Der Nepomuk aber blieb samstags eine Institution - und nichts und niemand war ihm heilig: Ministerpräsidenten, Staatssekretäre, Landräte, Bürgermeister, Bauern – alle bekamen sie ihr Fett ab, was freilich einer Auszeichnung gleichkam.
Doch alles wird anders, nur nicht besser: Zeitenwende, digitale Transformation, Klickzahlen, künstliche Intelligenz, natürliche Dummheit, Effizienz, Klima, Krieg und Krise, Tod und Teufel, der eiskalte Wind of Change. Und dann wurde unlängst auch noch ein journalistischer Kompass gefunden – wohl ein ähnliches Exemplar, wie es Captain Jack Sparrow aus „Fluch der Karibik“ besitzt: Obwohl der Kompass nutzlos erscheint, weil die Nadel nie nach Norden zeigt, verfügt er über übernatürliche Fähigkeiten.
Zwar kann man mit dem Ding nicht navigieren, doch führt es seinen Besitzer stets dorthin, wohin er sich am meisten hinwünscht. Ihr wisst doch: angeblich ist weniger ja mehr. Ich habe mir den Kompass also geschnappt – und bin ab jetzt irgendwo, aber definitiv für immer weg. In diesem Sinne: Ade, Servus, pfiats eich, Tschüss und auf Nimmerwiedersehen. Es vermisst euch ... Euer Nepomuk

