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Nepomuk:Rebell, aber nicht sehr schnell

Peter Unger Patrizia Steipe

Grünen-Kreisrat Peter Unger aus Gilching.

(Foto: Arlet Ulfers)

Um ein Haar wäre es soweit gewesen, dann wäre Peter Unger Landrat gewesen. Für ganz kurz zumindest. Doch er zögerte zu lange

Huiuiui, das war knapp. Um ein Haar wäre Peter Unger, der letzte Rebell des Fünfseenlands, Landrat geworden. Kaum zu glauben, oder? Das wäre fast so, als würde der Papst den Rainer Langhans zum Abt von Andechs ernennen oder die Öko-Anne Franke aus Stockdorf den Aufsichtsratsvorsitz von Monsanto übernehmen.

Doch unversehens waren sie greifbar im Sozialausschuss des Kreistags, die "15 minutes of fame", die der Künstler Andy Warhol jedermann in Aussicht gestellt hatte, der Moment des Ruhmes. Unger hätte endlich einmal das Wort erteilen statt ergreifen können, abstimmen lassen, statt dagegen zu stimmen. Spontan Anträge formulieren und einbringen. Appelle des Landkreises beschließen lassen gegen das Nord-Süd-Wohlstandsgefälle, für mehr Gerechtigkeit weltweit, gegen den Brexit. Für den Aufstieg der Sechziger in die zweite Bundesliga. Oder so. Spannende Minuten waren das, als sich abzeichnete, dass es ausgerechnet auf den Ur-Grünen und Dauerrevoluzzer Unger zulaufen könnte, der eigentlich so etwas wie der Antipode des Landrats ist.

Aber jetzt muss ich erst mal erzählen, was passiert ist. Also: 15 Uhr, Ausschusssitzung im Landratsamt, fast alle sind da, haben sich mit Automatenkaffee und Kuchen versorgt und gruschteln in ihren Sitzungsunterlagen. Was fehlt, ist ein Sitzungsleiter. Kein Tim Weidner in Sicht, der sonst als Vize-Vize-Landrat den Sozialausschuss leitet. Landrat Karl Roth und sein Stellvertreter Georg Scheitz, die hätten einspringen können: nicht greifbar. Eine Viertelstunde ist rum, als Unruhe aufkommt und Bernhard Sontheim aus Feldafing drängt, ob man nicht mal anfangen könne. Was denn die Geschäftsordnung in so einem Fall vorsehe? Tja, da wäre dann der Peter Unger mit seinen 74 Jahren als ältester in der Runde an der Reihe gewesen, die Leitung zu übernehmen.

Da war eine Stimmung im Saal, irgendwie hat mich das an Günther Schabowskis Pressekonferenz 1989 erinnert. Unger hätte nur noch mit leicht sächsischem Einschlag sagen müssen: "Nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich." Aber Unger fragte nur schüchtern nach, ob er jetzt auf den Stuhl wechseln solle, wo sonst der Landrat sitzt, blieb aber erst mal, wo er war. Mit dem akademischen Viertelstündchen Verzug kam dann Tim Weidner hereingeeilt, ein Aufatmen ging durch die Reihen, eine große Chance für die Grünen, ein geschichtlicher Moment verstrich ungenutzt.

Dabei hätte ich es mir so sehr aus dem Munde Peter Ungers gewünscht, diese im Landratsamt übliche, gemütliche und irgendwie durstig machende Begrüßung: "Ein herzliches Grüßgott auch von meiner Seite."

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