Süddeutsche Zeitung

Nepomuk-Kolumne:Hunde nach Maß

In Wörthsee gibt es Leinenpflicht, aber nur Vierbeiner, die höher als 50 Zentimeter sind. Wer soll das nachmessen, fragt sich nun Gemeinderat Thomas Ruckdäschel

Kolumne von Eurem Nepomuk

Kennt Ihr eigentlich Herrn Tur Tur? Den Scheinriesen, der Jim Knopf und seinem Freund, dem Lokomotivführer Lukas, den Weg aus der Wüste zeigt? Wenn nicht, dann lest Euren Kindern das Buch vor oder schaut Euch zusammen den Film an. Kann ich nur empfehlen. Das Phänomen, dass jemand größer zu sein scheint, als er tatsächlich ist, gibt's so oft wie die falsche Verwendung von anscheinend und scheinbar. Ja, jetzt denkt mal nach! Die Kleinen wollen immer hoch hinaus, sagt meine Nepomuka, und die ist die klügste Frau, die ich kenne. Und ich hab' viele kennengelernt in den vergangenen Jahrhunderten, das könnt Ihr mir glauben. Aber mir fällt es ja auch auf, dass man so viele kleine Männer entweder in der Politik oder beim Fallschirmspringen sieht.

Wie komm' ich jetzt auf meinen Spezi, den Thomas Ruckdäschel? Gut, der wollte auch hoch hinaus und Bürgermeister von Wörthsee werden. Hat er nicht ganz geschafft, aber im Gemeinderat macht er seine Sache wirklich gut, das muss ich ihm lassen. Schwafelt nicht, ist praktisch veranlagt und bringt die Sache auf den Punkt. Was der Thomas gar nicht mag, sind Verbote und Bürokratie. Die Wörthseer Hundeverordnung zum Beispiel findet er völlig überzogen. Da geht es nämlich um große Hunde "mit einer Schulterhöhe von mindestens 50 Zentimetern", also Schäferhunde, Boxer, Dobermänner oder Deutsche Doggen. Und die müssen auf öffentlichen Straßen, Wegen und Plätzen angeleint werden. Ganz abgesehen davon, dass sich kein Wörthseer und Münchner an den Badeplätzen daran hält, fragt sich der Thomas: "Wer soll denn das nachmessen?" Und die einzigen, die ihm beim Joggen an den Wadln hängen, "sind die Kleinen", grantelt er. Also kleine Hunde.

Ich find' die Verordnung gut. Mir schmeckt die Pizza am Kiosk vom Gene auch besser, wenn mir nicht ständig Hunde zwischen den Beinen durchwuseln. Ob scheinriesig oder nicht. Meine Nepomuka und ich sind ja schon froh, dass es in Wörthsee keine Kampfhunde gibt. Dabei haben die in der Verordnung so klingende Namen wie Bandog, American Staffordshire Terrier, Tosa Inu, Alano, Cane Corso, Dogue de Bordeaux, Mastino Napoletano oder Perro de Presa Mallorquin. Das hat doch Klasse, oder? Aber wenn ich meinen Freund Thomas Ruckdäschel so vor mir sehe, fällt mir zuallererst der Afghanische Windhund ein. Aber nur wegen seiner wallenden Lockdownmähne, beteuert Euer Nepomuk

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SZ vom 27.02.2021
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