Süddeutsche Zeitung

Nepomuk:Mit dem Bleistift um die Welt

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In der Evangelischen Akademie in Tutzing gibt es Gratis-Bleistifte - das klingt nicht nach viel, ist aber dennoch etwas ganz Besonderes!

Von Euer Nepomuk

Wenn's nach Brigitte Nielsen geht, dem Sexsymbol der Achtzigerjahre, wird dir im Leben nichts geschenkt. Gut gebrüllt, Löwin! So ganz stimmt der Titel ihrer Autobiografie aber nicht. In diesem Sommer zum Beispiel konnte sich jeder fast gratis durch die Gegend schaukeln lassen, dem Neun-Euro-Ticket sei Dank. Ja, das war toll. Sogar ich bin mal mit der S 8 von Steinebach nach Herrsching gesaust, nur so zum Spaß und ganz ohne Fahrkarte. Denn Wassergeister wie ich lieben das Risiko und können sich außerdem unsichtbar machen. Aber ansonsten ist natürlich tote Hose, was Präsente angeht. Da hat die Nielsen schon recht. Der Weltspartag? Zum Erbarmen! Tankrabatt? Längst ausgelaufen. Und Wahlkampfzeiten? Ja, wenn's um ihre Karriere geht, werfen sich die Kandidaten schon mal ins Zeug. Aber ehrlich gesagt können die mir mit ihren hölzernen Kochlöffeln, Streichhölzern und ihrem Eierlikör gestohlen bleiben. Glauben die denn wirklich, dass sich unsereins korrumpieren lässt, nur weil sie mit ein paar Gummibärchen-Tüten rascheln?

Okay, ihr Lieben, jetzt verrat ich euch was, aber ihr müsst es für Euch behalten. In der Evangelischen Akademie in Tutzing gibt es Gratis-Bleistifte an der Empfangstheke. Nicht immer, aber eben manchmal. So ein Bleistift mag einem jetzt nicht direkt wie eine große Sache vorkommen. Aber kulturhistorisch ist er es sehr wohl: Denn dem Ritt auf der Graphitspitze verdankt die Menschheit die schönsten Sachen. Wo wären nur all die berühmten Seefahrer ohne dieses elegante Schreibgerät gelandet? Tinte hätte auf den Seekarten ja eine Riesensauerei angerichtet. Zugegeben, Tutzing und Herrsching wären so und so entdeckt worden. Aber Christopher Kolumbus hätte mit viel Glück allenfalls die Kanaren erreicht, und James Cook wäre niemals in der Südsee angekommen. Ohne Graphit gäb's auch keine Musik von Benjamin Britten, oder jedenfalls viel weniger. Womöglich auch nicht John Steinbecks "Jenseits von Eden"-Manuskript. Und erst recht nicht Joseph Beuys Bleistiftzeichnungen.

Das Tutzinger Exemplar ist im Gegensatz zum Ikea-Stummel noch dazu ein besonders edles Stück mit Aufdruck "Evangelische Akademie Tutzing" und dem Signet des Hauses, einem Löwen, der unter seiner rechten Pranke mutmaßlich die Erdkugel hält. Wer dieses gespitzte Statussymbol scheinbar absichtslos aus der Hemdtasche blitzen lässt, der gilt sofort als Mann von Welt, ja als Abenteurer, Poet und Teufelskerl mit protestantischem Bildungshintergrund. Ich hab's ausprobiert, und ganz ehrlich: Meine schwer zu beeindruckende Nepomuka war nahezu von den Socken, schwört...Euer Nepomuk

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