Süddeutsche Zeitung

Nepomuk:Baywatch am Bauernsee

Herrsching sucht für den Sommer einen Bürgermeister - nein, stopp, einen Bademeister

Das ist ja mal interessant: Herrsching, die Vorzeigegemeinde meines lieben Freundes und Bademeisters Christian Schiller, sucht für den Sommer einen Bürgermeister. Nein, halt, umgekehrt: Der Christian sucht einen Bademeister, also nicht für sich, sondern für den Ammersee. Fragt mich jetzt nicht warum. Das hat mit neuen Sicherheitsauflagen zu tun, die äußerst kompliziert und sogar für einen Schwimmer von Welt wie mich schwer zu verstehen sind. Jedenfalls ist das ist eine äußerst anspruchsvolle, aber auch beneidenswert schöne Aufgabe: Baywatch am Bauernsee. Denn Bademeister, das sind die wahren Helden im Juli und August. Regenten über das weite Reich der Entspannung. Sonnenkönige am Rand der Feuchtgebiete.

Früher bliesen sie auf Trillerpfeifen herum und verteilten im Strandbad Feldafing schon mal Watschn, wenn es sein musste. Einer von ihnen, ein Penzberger, stellte nebenbei Rekorde auf und durchschwamm regelmäßig den Starnberger See. Andere sollten in Deutschlands einzigem Damenbad in Freiburg Dienst tun, was keine so richtig gute Idee war. Ja, Bademeister müssen heutzutage Alleskönner sein, einigermaßen was von bürgerlichem Recht, Finanzen, Verkehrssicherung und Aqua Fitness verstehen und zugleich geübt sein im Umgang mit empörten Frauen und Männern. Das Tröstliche dabei ist: Sie herrschen über das einzige sozialistische Reich auf Erden. Denn in der Badehose und im Bikini sind alle Menschen gleich. Womöglich nicht in Starnberg, aber zumindest in Herrsching.

Vielleicht auch weil dieser Beruf so viele Fähigkeiten erfordert, hat sich am Ammersee bislang nur ein einziger Bewerber gemeldet: ein Mann aus Asien, der aber nur kommen will, wenn er auch eine Wohnung kriegt. Ja, das klingt anspruchsvoll, da muss der Christian Schiller womöglich noch ein wenig nachverhandeln und vielleicht auch die Frage klären, was der Bademeister im Winter macht. Die Stockschützen dirigieren? Ich würd' ihm ja aus der Patsche helfen und zumindest diesen Sommer einspringen. Aber leider, leider: Heuer muss ich unbedingt nach Chioggia bei Venedig und Bademeister Gianni Scarpa zur Ordnung rufen. Der Verrückte trägt eine Medaille mit dem Konterfei von Benito Mussolini um den Hals und quält seine Badegäste mit faschistischen Sprüchen. Da hilft nur eins: Abkühlung, glaubt

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Quelle:
SZ vom 04.05.2019
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