Nazi-Größen als Namensgeber:Widerspruch aus Dichterviertel

Anwohner lehnen Umbenennung von Straßen in Stockdorf strikt ab

Von Michael Berzl, Gauting

In der Debatte über die Umbenennung von zwei Straßen im Stockdorfer Dichterviertel haben bald die betroffenen Anwohner das Wort. Allerdings nicht das letzte Wort. Die Gemeinde Gauting bereitet gerade die gesetzlich vorgeschriebene schriftliche Anhörung vor. Nach den Sommerferien sollen die Schreiben verschickt werden, berichtet Rathaussprecherin Charlotte Rieboldt. Wer an der Ina-Seidel-Straße oder an der Max-Dingler-Straße wohnt, erhält dabei Gelegenheit, sich zu äußern. Die beiden schon lange verstorbenen Schriftsteller gelten wegen ihrer ideologischen Nähe zum NS-Regime als Namensgeber als nicht mehr tragbar. Die Entscheidung trifft aber letztlich der Gemeinderat.

Schon vor der formellen Befragung der Anwohner zeichnet sich jedoch ab, dass es große Vorbehalte gegen neue Straßennamen gibt. Per E-Mail und Post sind im Rathaus dutzendweise Widersprüche und Beschwerden eingegangen, zum Teil mit Unterschriftenlisten. Mehr als 50 Stockdorfer hätten sich demnach gegen eine Umbenennung ausgesprochen, berichtet die SPD-Gemeinderätin Carola Wenzel, die sich als Referentin für Ortsgeschichte nun federführend um das Thema kümmert und auch einen Begleitbrief für die Anwohner verfasst hat. Fast die gesamte Anwohnerschaft der Ina-Seidel-Straße wehre sich demnach gegen einen neuen Namen; geringer fallen die Proteste aus der Max-Dingler Straße aus. Es gebe aber keine Verpflichtung für die Kommunalpolitik, dem Votum der Betroffenen zu folgen, erklärt Gemeinderätin Wenzel.

Schließlich gibt es gute Gründe, die bisherigen Namen zu tilgen. Der Mundartdichter Dingler war laut einem Gutachten von seiner Teilnahme am Hitlerputsch an bis zum Kriegsende parteikonform geblieben und hatte sich nie vom Gedankengut des NS-Systems distanziert. Mittlerweile ist Gauting die einzige Gemeinde in Deutschland, die noch eine nach diesem Schriftsteller benannte Straße aufweist. Die Romanautorin Ina Seidel, die in Starnberg lebte, trat als Hitler-Verehrerin in Erscheinung, huldigte dem Führerkult mit einem Gedicht und stellte sich in den Dienst der NS-Propaganda. Einstimmig hatte der Gautinger Gemeinderat im Juni beschlossen, die Max-Dingler-Straße in Oskar-Maria-Graf-Straße umzubenennen und die Ina-Seidel-Straße durch die Marieluise-Fleißer-Straße zu ersetzen. CSU-Gemeinderätin Eva-Maria Klinger aus Stockdorf hatte damals darauf hingewiesen, dass durch eine Namensänderung den Anwohnern einiges zugemutet werde. Um entstehende Kosten zu reduzieren, hat sich die Gemeinde bereit erklärt, von Gebühren für melde-, pass- und gewerberechtliche Änderungen zu verzichten.

© SZ vom 04.09.2021
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