Süddeutsche Zeitung

Naturschutz:Wilde Kräuter für kleine Igel

Ein Unterbrunner Bauer wagt ein Experiment: Roland Koböck pflanzt auf einer fünf Hektar großen Fläche Wiesenblumen und Ackerwildkräuter an und sucht Paten. Er will damit zeigen, dass auch konventionelle Landwirtschaft etwas für die Umwelt tun kann

Blühflächen kennt fast jeder, Flächen mit Ackerwildkräutern sind im Landkreis eine Seltenheit. Der Unterbrunner Landwirt Roland Koböck wagt dieses Experiment. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Annika Friedl pflanzt er auf einer fünf Hektar großen Fläche auf einer Hälfte Wiesenblumen und auf der anderen Ackerwildkräuter an.

Das Ungewöhnliche an der Sache: Koböck ist nicht etwa Biobauer, sondern er betreibt eine konventionelle Landwirtschaft mit 70 Hektar Land und 40 Jungrindern. Das Volksbegehren gegen das Bienensterben hat das Paar auf die Idee gebracht. "Da haben wir gemerkt, dass den Leuten das Thema unter den Nägeln brennt", erzählt der 30-Jährige. "Wir wollten mit den Bürgern ins Gespräch kommen, wollten ihnen zeigen, dass auch wir etwas für die Natur tun." Denn er hat den Eindruck, dass auf dem Rücken der Landwirte sehr Vieles ausgetragen wird. "Wir sind nicht diejenigen, die nur das Land vergiften." Es folgten zahlreiche Gespräche mit dem Bund Naturschutz (BN) und Wildkräuterexperten über das geeignete Saatgut und eine sinnvolle Form des Projekts. "Wir waren hellauf begeistert von dem Projekt", erzählt die Vorsitzende des BN Weßling, Gerhild Schenck-Heuck. "Denn die Ackerwildkräuter sind noch viel gefährdeter als andere Wildkräuter. Zudem kriegen Bodenbrüter in diesen Feldern eine Kinderstube. Ganz zu schweigen von Igeln, Mäusen und Hamstern."

Für beide Flächen sucht Koböck nun noch Paten. Sie sind jeweils zirka 450 Meter lang und 56 Meter breit. Auf der Hälfte, auf der eine heimische Blühmischung ausgebracht ist, wogen jetzt noch jede Menge Blumen im Wind, zum Beispiel Mohn und Kornblumen. Die Pflanzen bleiben voraussichtlich den ganzen Winter über stehen und treiben dann im kommenden Frühjahr neu aus.

Auf der Hälfte der Wildkräuter hat Koböck weitreihig Hafer angepflanzt, so dass dazwischen Ackerkräuter wachsen konnten. Damit diese überhaupt die Chance hatten, aufzukommen, musste das Paar etliche Male von Hand Vogelmiere und Disteln jäten, die rasant wuchsen. Dass das zeitintensiv war, versteht sich von selbst.

Das Gelände ist inzwischen abgeerntet und wird für die Winterruhe vorbereitet. Der Ertrag an Hafer sei äußerst mäßig gewesen, und die Kosten fürs Dreschen und Reinigen des Getreides hätten den Wert der Ernte gar überstiegen, heißt es. Auch sei der diesjährige Hafer nicht für den Verkauf geeignet, sondern werde an die eigenen Rinder verfüttert, sagt Koböck. Trotzdem wollen er und seine Freundin an dem Projekt festhalten und wohl im kommenden Frühjahr dort Dinkel und Ackerwildkräuter anbauen.

Wer solch ein Projekt aufzieht, denkt natürlich auch ans Wirtschaftliche. Darum hat das Paar folgende Rechnung aufgemacht: Wer sich an der Wildkräuterfläche beteiligen möchte, der kann eine dreijährige Patenschaft für eine Fläche von 100 Quadratmetern für insgesamt 99 Euro übernehmen. 250 Paten sind für die gesamte Kräuterfläche von Nöten damit sich das Ganze laut Koböck rechnet - 70 hat er bereits, darunter auch den Bund Naturschutz in Weßling.

Was die dreijährige Patenschaften für das Blühfeld betrifft, haben die Bürger drei Möglichkeiten: Eine "Goldpatenschaft" kostet für diesen Zeitraum 150 Euro für 100 Quadratmeter. "Silberpate" ist, wer 75 Euro zahlt und 50 Quadratmeter übernimmt und "Bronzepaten" finanzieren für 38 Euro 25 Quadratmeter. Eine Fläche von 1,7 Hektar ist bereits mit Paten belegt, für 0,8 Hektar werden noch Paten gesucht.

Nach Koböcks Rechnung übernehmen die Paten die Kosten für das Saatgut und beteiligen sich finanziell an seinem Verdienstausfall. "Wenn ich nur den Mindestlohn nehmen würde, käme ich bei Weitem nicht hin,"sagt Koböck. "Wenn die Patenschaftsidee überhaupt den Verdienstausfall deckt, bin ich schon froh." Klar ist natürlich, dass Koböck auf der fünf Hektar großen Fläche völlig auf Pestizide und Kunstdünger verzichtet.

Der Landesbund für Vogelschutz (LBV) steht Blühpatenschaften generell skeptisch gegenüber. In einer Stellungnahme vom März diesen Jahres weist der Verband darauf hin, dass Landwirte für Patenschaften nach seiner Ansicht oft zu viel Geld von den Bürgern verlangen würden. Der Preis sollte nach Ansicht der Vogelschützer höchstens das Doppelte der Fördersätze des Kulturlandschaftsprogramms betragen - also sechs Euro pro 100 Quadratmeter. Allerdings bezog sich die Stellungnahme des LBV auf sogenannte Blühstreifen an den Feldrändern.

Blühstreifen sind für Koböck mit seinem Projekt aber nicht vergleichbar. Denn auf den Randstreifen sei der Ertragsausfall ja ohnehin wesentlich geringer, da man dort wesentlich weniger Dünger ausbringen könne und darüber hinaus auch mit dem Abernten Probleme habe. Seine Fläche hingegen sei ein zusammenhängendes Feld. "Darum haben wir uns ganz bewusst nicht für Randstreifen entschieden."

Zu einem völlig anderen Urteil als der Landesbund für Vogelschutz kommt der Bund Naturschutz in Weßling - vor allem, was Koböcks Idee mit den Ackerwildkräutern betrifft. Darum hat die Ortsgruppe auch selbst eine Patenschaft auf dem Wildkräuteracker in Unterbrunn übernommen. Gerhild Schenck-Heuck und ihr Mann sind zudem auch privat Paten für das Projekt. Sie selbst kenne nur eine einzige weitere Fläche dieser Art im Landkreis. Die liege bei Andechs und sei ein Versuchsfeld der Universität Weihenstephan. Auf Koböcks Grund sind laut Schenck-Heuck bereits Lerchen und Rebhühner gesichtet worden. Für sie ist das Unterbrunner Projekt eine "großartige Symbiose von Vögeln, Insekten und Pflanzen".

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Quelle:
SZ vom 12.09.2019
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