bedeckt München

Naturschutz:Ein Biotop für Spirke und Kreuzotter

Die technischen Arbeiten zur Moorrenaturierung im Kerschlacher Forst werden jetzt abgeschlossen.

Von Armin Greune

Die Moorrenaturierung bei Kerschlach ist zwar noch lange nicht abgeschlossen, was die natürliche Entwicklung betrifft. Doch der technische Eingriff des Menschen auf der etwa vier Hektar großen Forstfläche "Brunnhäusl" soll noch in diesem Monat beendet werden. Am Montag wurde mit dem Raupenbagger die letzte Spundwand in einem Entwässerungsgraben versenkt. Dass aber wieder ein Hochmoor anstelle der vormaligen Baumbestockung herangewachsen ist, "werden wir nicht mehr erleben", sagt Emil Hudler, der das Projekt leitet. Um einen Millimeter nehme die Torfschicht in einem ungestörten Hochmoor jährlich an Stärke zu, im degeneriertem Brunnhäusl verläuft das Wachstum zunächst sogar noch langsamer. Torf aber bindet klimaschädliches Kohlendioxid viel effektiver als etwa Bäume: "In Deutschland speichern die vier Prozent an Moorfläche genauso viel CO₂ wie die 30 Prozent Wald", sagt Hudler.

Nach dem Rückzug der Gletscher vor etwa 10 000 Jahren entwickelten sich in Oberbayern auf Senken und Mulden ausgedehnte Moorflächen. Doch vor allem im vergangenen Jahrhundert wurde ein Großteil davon trockengelegt, um sie land- und forstwirtschaftlich zu nutzen. Noch heute trägt die Mineralisierung von Torf in Deutschland ganz erheblich zur Freisetzung von Treibhausgasen bei: Die 40 Millionen Tonnen jährlich entsprechen fünf Prozent der Gesamtemissionen. Weltweit verursacht die Moorentwässerung einen fast doppelt so hohen CO₂-Ausstoß wie der gesamte Flugverkehr - vor Corona, versteht sich.

Die Förster Wolfgang Lechner, Emil Hudler und Wilhelm Seerieder (v.l.) wollen so aus Wald wieder Moor schaffen.

(Foto: Arlet Ulfers)

Auch dem aus einem Toteisloch entstanden Moor im Brunnhäusl war vor 100 Jahren das Wasser abgegraben worden, um dort Fichten und Stroben, eine Kiefernart, anzupflanzen - obwohl die Flachwurzler dort stark gefährdet sind, von Stürmen umgeworfen und von Schädlingen befallen zu werden. Die Bäume beschatteten die Fläche und entzogen ihr Wasser, dennoch überlebten dazwischen Relikte der ursprünglichen Flora wie etwa Torfmoose. Daher entschlossen sich die Staatsforsten, dort etwas für den Klimaschutz, die Artenvielfalt und die Wasserretention bei Unwettern zu tun. Was gleichzeitig auch dem eigenen Ökokonto zu Gute kommt, mit dem sich Eingriffe in den Naturhaushalt andernorts ausgleichen lassen.

Im Februar wurden auf dem Areal an der Straße zwischen Kerschlach und Machtlfing die etwa 80-jährigen Fichten und Stroben gefällt; Totholz sowie die für Feuchtgebiete typischen Birken und Erlen blieben bei der Auflichtung verschont, auch die Waldkiefern durften letztendlich wegen des Landschaftsbildes stehen bleiben. Wilhelm Seerieder, Leiter des Staatsforstbetriebs München, erwartet, dass die Kiefern im Laufe der Jahre von Stürmen oder Schneelast umgeworfen werden und dann am Boden als Totholz vielen bedrohten Insektenarten, Kleintieren und Pilzen als Nahrung und Brutraum dienen.

Fingerspitzengefühl ist gefragt, wenn der Baggerführer den Stahlrahmen von der Holzverschalung abzieht.

(Foto: Arlet Ulfers)

Nach dem Holzeinschlag leitete man den Sommer über die Wiedervernässung der Fläche ein, indem die Wasserläufe durch mehr als 60 Dämme verschlossen wurden. Die Nebengräben ließ der Staatsforstbetrieb mit Rundhölzern verbauen und mit Bodenmaterial zuschütten, bei den vier Hauptgräben und deren Abzweigungen musste man zu einem aufwendigeren Verfahren greifen. Dort wurden Spundwände aus zwei versetzten Lagen von drei Zentimeter starkem, relativ dauerhaftem Lärchenholz eingesetzt.

Etwa 30 dieser drei bis vier Meter breiten Bauwerke aus senkrechten Brettern in einer Stahlverschalung rammten die Baggerführer in die Gräben. Dabei wirkt dieser Vorgang längst nicht so martialisch, wie der Ausdruck suggeriert: Ganz behutsam scheint die Baggerschaufel die Hölzer in den Boden zu versenken. Doch dahinter steckt enorme Kraft: Auf der Schaufel lasten vier oder fünf Tonnen Gewicht des 21 Tonnen schweren Baggers. Anschließend zieht der Baumaschinenführer den Stahlrahmen mit viel Fingerspitzengefühl in die Höhe. Das verbleibende Holzgatter reicht durch die Torfschicht bis zum Mineralboden und ragt knapp über das Erdreich neben dem Graben heraus. Es wird mit einer Bodenschicht überdeckt, damit das Holz unter Luftabschluss langsamer verwittert.

Im Brunnhäusl habe man sehr gute Voraussetzungen für die Moorrenaturierung vorgefunden, sagt Seerieder. Weil dort nie Torf gestochen wurde, ist die Schicht noch einen halben bis mehr als vier Meter stark. Auf 720 Meter Höhe fallen relativ viele Niederschläge, durch die leichte Muldenlage sammelt sich das Wasser an und funktioniert so bei Starkregen wie ein Schwamm. Der Forstwissenschaftler ist zuversichtlich, dass sich dort bald bedrohte Pflanzen- und Tierarten wie die Spirke, die Moorkiefer, und die Kreuzotter einfinden. Beide könnten aus einer benachbarten Fläche einwandern, bei der die Moorrenaturierung schon vor 15 Jahren eingeleitet wurde.

© SZ vom 13.10.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite