Nationalsozialismus:Eine Frage der Sensibilität

Der Gautinger Gemeinderat will zwei Straßen in Stockdorf umbenennen, weil die Namensgeber eine unrühmliche Rolle im Nationalsozialismus gespielt haben - eine Entscheidung, die nicht alle Anwohner begrüßen

Von Sabine Bader, Gauting/Starnberg

Sie haben sich mit der Ideologie der Nationalsozialisten identifiziert, zu Hitlers willfährigen Anhängern gezählt und in dieser Zeit eine sehr ungute Rolle gespielt: Ina Seidel (1885-1974) und Max Dingler (1883-1961). Darum will der Gautinger Gemeinderat jetzt die nach den beiden Schriftstellern benannten Straßen im Stockdorfer Dichterviertel umtaufen, denn für das Gremium ist es an der Zeit, sich offiziell von den beiden Namensgebern zu distanzieren. Für die Anwohner ist dies folgenschwer, geht es hier doch nicht nur um die gern zitierten neuen Visitenkarten. Alle Dokumente müssen umgeschrieben und Geschäftspartner, Banken und Versicherungen über die Adressänderung unterrichtet werden.

Einer, für den die geplant Namensänderung einen gehörigen Aufwand bedeutet, ist Klaus Peter Follak. Der Wirtschaftsjurist ist selbständig, arbeitet von zuhause aus und hat Geschäftspartner in aller Welt. 1988 hat er das Haus in der Ina-Seidel-Straße gekauft, in dem er seither mit seiner Frau lebt. Er ist strikt gegen die Umbenennung seiner Straße. Das hat für ihn in der Hauptsache praktische Gründe: "Mit dieser Adresse bin ich überall gelistet. Und ich habe nicht einmal alle Adressen, die ich benachrichtigen müsste im Archiv." Das Ganze sei "völlig unangemessen, schließlich kennt heute kaum mehr jemand Ina Seidel. Das hätten sich die Verantwortlichen früher überlegen müssen", findet er. "Es wäre außerdem nett gewesen, wenn jemand aus dem Gemeinderat vorher mal die Anlieger gefragt hätte."

Stockdorf: Max-Dingler-Strasse

Bereits 2013 wollte man die Max-Dingler-Staße in Stockdorf umbenennen, sah aber damals wegen Anliegerprotesten davon ab.

(Foto: Nila Thiel)

Die gängige Praxis sieht indes anderes auf. Gelangt ein Gremium zu der Überzeugung, dass es eine Straße umbenennen möchte, hört es danach die Anlieger an. Diese haben dann die Möglichkeit, ihre Gründe dafür oder dagegen darzulegen. Ihre Stellungnahmen werden dann noch einmal im Gemeinderat behandelt und abgewogen. Das bedeutet im Klartext: Die Anwohner dürfen zwar mitreden, verhindern können sie die geplante Umbenennung aber nicht. Auch wenn die Gemeinde 2013 von einer Namensänderung der Max-Dingler-Straße wegen massiver Anliegerproteste abgesehen hatte.

In dieser Straße wohnt auch Axel Grimm. Er sieht die Angelegenheit weniger kritisch als seine Nachbar aus der Parallelstraße. "Mir würde eine Namensänderung nichts ausmachen", sagt der 66-jährige Rentner. Für ihn ist "der entscheidende Punkt, wann die Straße ihren Namen erhalten hat". Sei dies bereits vor dem Krieg geschehen, sei das Ganze historisch. Mit dem Bau seines Hauses sei beispielsweise bereits vor dem Krieg begonnen worden.

Tatsächlich sind die meisten Häuser und Straßen in diesem Viertel laut Gemeinde in den frühen 1950er Jahren entstanden. Man hatte damals darauf geachtet, dass es sich bei den Namensgebern um Schriftsteller handelt, vorwiegend aus Bayern. Daher auch der Name Dichterviertel. Möglicherweise hat man es damals weniger genau genommen, was die politische Gesinnung der Geehrten anbelangt. Schließlich waren unter ihnen nicht nur Seidel und Dingler, sondern auch der bekannte Schriftsteller Ludwig Thoma (1867-1921), der meist anonym politische und antisemitische Hetzartikel im Miesbacher Anzeiger verfasste, und auch der Literat Erwin Guido Kolfenheyer. Kolfenheyer hatte die Nationalsozialisten ebenfalls in zahlreichen Reden und Schriften unterstützt, war 1940 in die NSDAP eingetreten und wurde 1944 von Adolf Hitler auf die "Gottbegnadetenliste" der wichtigsten deutschen Schriftsteller gesetzt, wodurch er zahlreiche Privilegien genoss.

Stockdorf: Ina-Seidl-Strasse- Anwohner Klaus Peter Follak mit Gattin Alice

Jetzt startet man einen neuen Anlauf. Diesmal geht es aber auch um dieIna-Seidel-Straße,in der Alice und KlausPeter Follak leben.

(Foto: Nila Thiel)

Von der nach ihm benannten Straße im Dichterviertel hat sich der Gautinger Gemeinderat aber längst verabschiedet und diese in Annette-Kolb-Straße umbenannt, wie die CSU-Gemeinderätin Eva-Maria Klinger berichtet. Klinger gehört dem Gautinger Gremium bereits seit 31 Jahren an und ihr ist bewusst, was eine Umbenennung für die Anlieger bedeutet. "Da hängt ein ganzer Rattenschwanz dran." Auch wenn es ihr deshalb "nicht ganz leicht" fiel, hat sie diese Woche dafür gestimmt. Gautings Bürgermeisterin Brigitte Kössinger (CSU) ist sich sicher: "Die Entschlossenheit im Gremium ist da." Es sei entschieden, dass man die Straßennamen nicht aufrecht erhalten wolle. "Denn mit Straßen ehrt man Menschen, und wenn sich herausstellt, dass ihr Verhalten nicht ehrwürdig war, sollte man konsequent sein." Die Sensibilität für die Vergangenheit sei früher nicht so ausgeprägt gewesen wie heute.

Auch in der Kreisstadt Starnberg wird die Debatte um Ina Seidel in eine neue Runde gehen. Bekanntlich gibt es hier seit 62 Jahren nicht nur einen Ina-Seidel-Weg, die Stadt hat der Dichterin, die hier von 1934 an lebte, 1970 auch die Ehrenbürgerwürde verliehen. Im Jahr 2013 hatte man sich zwar bereits mit dem Problem Seidel befasst, es aber abgelehnt, den Weg umzubenennen und sich offiziell von ihr zu distanzieren.

Seit Kurzem allerdings liegt Starnbergs Bürgermeister Patrick Janik (UWG), wie er sagt, ein Antrag der Grünen vor, sich von der Ehrenbürgerwürde Seidels zu distanzieren und unter dem besagten Straßenschild einen kritischen Kommentar zur politischen Gesinnung der Dichterin anzubringen. Von der SZ zu seiner persönlichen Meinung dazu befragt, sagte er: "Für einen kritischen Hinweis bin ich durchaus zu haben. Ich weiß aber nicht, ob es guter Stil ist, heute den Stab über die Entscheidung der Amtsvorgänger, die die Ehrenbürgerwürde verliehen haben, zu brechen." Zumal dies auch keinerlei praktische Auswirkungen habe. Denn auch nach Janiks Dafürhalten erlischt die Ehrenbürgerschaft mit dem Tod des Geehrten.

© SZ vom 02.07.2021
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