Nachwuchsstar Ein Goldfisch namens Luisa

Tutzing ist stolz auf die behinderte Schauspielerin Luisa Wöllisch, die in der Komödie von Alireza Golafshan eine Hauptrolle spielt. Die Premiere mit der 22-Jährigen im Kurtheater wirkt wie ein Familientreffen

Von Sylvia Böhm-Haimerl

Für andere Schauspielerinnen mag so ein Auftritt Routine sein, für sie ist er das nicht: Luisa Wöllisch steht am Samstagabend trotzdem selbstbewusst vor den Besuchern im proppenvollen Kurtheater. Mit ansteckendem Lächeln begrüßt die 22-Jährige mit den dunklen langen Haaren das Publikum. Und sie sagt, dass sie sich freue, den Film in ihrem Heimatort Tutzing vorzustellen: die Komödie "Die Goldfische" von Alireza Golafshan, in der Wöllisch eine Hauptrolle spielt.

Ein paar höfliche Worte bei der Premiere, das ist normalerweise nichts Besonderes. Doch Luisa Wöllisch hat das Down-Syndrom, sie muss sich alles hart erarbeiten. In Tutzing ist ihr allerdings kein Lampenfieber anzumerken. Im Gegenteil, das Ganze wirkt fast schon wie ein Familientreffen. Bei jedem Besucher, für den ihre Mutter Eva Wöllisch einen Platz reserviert hat, springt sie von ihrem Sitz in der letzten Reihe auf und begrüßt ihn, zum Beispiel Pfarrer Peter Brummer, der ihr Blumen mitgebracht hat.

Hart erarbeiteter Erfolg: die Schauspielerin Luisa Wöllisch vor dem Plakat ihres zweiten Kinofilms „Die Goldfische“.

(Foto: Jürgen Olczyk/Sony Picture/oh)

Die Tutzinger Premiere war schon lange vor dem Start des Films ausverkauft. Um eventuell noch eine der wenigen Restkarten zu bekommen, die nicht abgeholt wurden, standen Besucher schon eine Stunde vor Vorstellungsbeginn an. Über so ein volles Haus freut sich natürlich der Betreiber des Kurtheaters, Michael Teubig. Wie er erzählt, sei es gar nicht so einfach gewesen, als kleines Kino den Film schon kurz nach dem Auftakt in München zu bekommen. Normalerweise gingen Filme zuerst an große Häuser, sagt er. Als er Luisa Wöllisch nach vorne bittet, gibt es anhaltenden Applaus. "Wir haben jetzt einen Star in Tutzing, wir sind richtig stolz auf Luisa", freut sich Bürgermeisterin Marlene Greinwald. Die Rathauschefin kennt die Familie Wöllisch und ist überzeugt davon, dass sich Luisa ihren Erfolg "richtig hart erarbeitet" hat.

Welch hohes Maß an Disziplin der Nachwuchsstar hat, berichtet Angelica Fell von der Freien Bühne München. Luisa Wöllisch hat dort eine dreijährige Schauspielausbildung absolviert. Beim offiziellen Kinostart in München sei Luisa erst gegen 2.30 Uhr nachts von der After-Show-Party nach Hause gekommen. Am nächsten Tag sei sie schon um 7.30 Uhr morgens wieder pünktlich zur Arbeit erschienen. Fell weiß, wovon sie spricht. Sie hat selbst einen Sohn mit Trisomie 21. Das sei der Anlass gewesen für die Gründung der Freien Bühne München, in der Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam Theater machen. Doch gerade für das Theater brauchen Menschen mit Handicap nach Fells Erfahrung eine besondere Ausbildung, und diese habe Luisa Wöllisch in dem ersten inklusiven Theater Bayerns absolviert.

Souverän: Luisa Wöllisch (zweite von rechts) in einer Szene des Kinofilms "Die Goldfische".

(Foto: Jürgen Olczyk/Sony Pictures)

Die Tutzingerin hatte die Montessorischule in Biberkor absolviert, schon dort sammelte sie Erfahrung in Musical- und Theatervorstellungen. Gleich nach dem Abschluss ihrer Ausbildung in der Freien Bühne bekam sie laut Fell ein Filmangebot. 2016 spielte sie in Ed Herzogs Klamaukkrimi "Grießnockerlaffäre" noch eine Nebenrolle. Um ein zweites Standbein zu haben, macht die Tutzingerin derzeit noch eine Zusatzausbildung als "Coach-Assistentin" in der Schauspielschule. Fell ist stolz darauf, dass aus ihrer Einrichtung ein Nachwuchsstar hervorgeht. "Ich weiß, sie hat das Zeug dazu, sie bringt ganz viel Ehrgeiz mit. Sie ist einfach eine Künstlerin, sie hat es in sich", sagt Fell und überreicht Luisa Wöllisch ihre erste Fanpost.

Der Film beginnt mit einem Knall. Vermögensverwalter Oliver (Tom Schilling) baut einen Unfall und wacht im Krankenhaus querschnittsgelähmt wieder auf. In der Reha trifft er auf die Behindertengruppe "Goldfisch". Aus verschiedenen Perspektiven wird sehr einfühlsam vom Leben mit einer Behinderung berichtet, ohne ins Sentimentale abzugleiten. Die Akteure - Luisa Wöllisch ist die einzige Schauspielerin mit echtem Handicap - machen das Beste aus ihrer Behinderung. Sie meistern ihr Leben mit einer besonderen Art von Humor.

Luisa Wöllisch treibt ihre Schauspielkarriere jetzt weiter voran. Derzeit bereitet sie sich vor auf ihre Hauptrolle in dem Stück "Lulu" von Frank Wedekind, das von November dieses Jahres an im Stadttheater Weilheim zu sehen sein wird.