Nach Motorradunfall Wie sich der Kraillinger Feuerwehrchef zurück ins Leben gekämpft hat

Richard Siebler ist bewusst geworden, wie zerbrechlich das Glück ist. Mit seiner Geschichte will er Motorradfahrer für Gefahren sensibilisieren.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Plötzlich biegt ein Auto ab, Richard Siebler kann mit seiner Maschine nicht mehr ausweichen. Die Ärzte versetzen ihn nach dem Unfall ins Koma. Ganz Krailling bangt mit ihm.

Von Carolin Fries

Es ist ein Mittwoch im April dieses Jahres, der das Leben von Richard Siebler für immer verändert. "Es war total schönes Wetter und ich hatte noch was für die Feuerwehr erledigt", erinnert sich der 53 Jahre alte Kraillinger. Daheim holt er seine Triumph Tiger aus der Garage, eine Reiseenduro. Siebler liebt das Motorradfahren, seit er mit 18 Jahren den Führerschein gemacht hat. Die Tour führt ihn über Perchting Richtung Andechs. "Die Strecke war frei, kerzengerade, wenig Verkehr." Mehr weiß er nicht mehr von diesem Tag, seine Erinnerung sollte erst Wochen später wieder einsetzen.

Siebler fährt an diesem Nachmittag frontal in ein entgegenkommendes Auto, welches plötzlich unerwartet links über seine Spur abbiegt. Er hat keine Chance, den Zusammenstoß zu vermeiden, und wird schwer verletzt in eine Münchner Klinik geflogen. Seine Familie bangt und hofft - und mit ihr der ganze Ort: Siebler ist seit 1995 Kommandant der Feuerwehr in Krailling, fast ebenso lange unterrichtet er am Kurt-Huber-Gymnasium im benachbarten Gräfelfing Chemie und Biologie. Seit 2008 sitzt er für die CSU im Gemeinderat. Die Betroffenheit im Kollegium, bei den Schülern, Freunden, Bekannten und Gemeinderatskollegen ist groß, er bekommt jede Menge Postkarten und E-Mails. "Ich habe die gar nicht alle beantwortet, das tut mir leid", sagt er. Es habe einfach die Kraft gefehlt. Auch dem Unfallverursacher, einem älteren Herrn, antwortet er nicht auf dessen E-Mail und Karte. "Er hat seine Schuld eingeräumt."

Ein halbes Jahr nach dem Unfall sitzt Richard Siebler daheim auf der Terrasse und blinzelt in die Herbstsonne. Die Füße in klobigen Clogs, den Feuerwehrpiepser in der Hemdtasche. Er hat ein paar Kilo weniger auf den Rippen als vor dem Unfall und eine Narbe am Hinterkopf.

Er erleidet ein Schädelhirntrauma und wird ins künstliche Koma versetzt, sein Leben steht auf der Kippe. Rückblickend sagt Siebler, dass sein Helm ihm wohl das Leben gerettet hat. Er hatte ihn sich erst neu gekauft. Und dieser Rat ist ihm nach seinem Unfall besonders wichtig: "Da darf man nicht am falschen Ende sparen."

Knapp 8000 Motorradfahrer verunglückten im vergangenen Jahr auf Bayerns Straßen, 123 davon tödlich. Niemals hätte er damit gerechnet, in solch einer Statistik aufzutauchen. Er, der doch immer zurückhaltend auf seiner Maschine saß, jegliches Risiko vermied, stets den Blickkontakt mit den anderen Verkehrsteilnehmern suchte. Siebler will Motorradfahrer mit seiner Geschichte für die Gefahren sensibilisieren. Zugleich weiß er, dass es keinen garantierten Schutz gibt. Der 53-Jährige hat sich in den vergangenen Monaten zurückgekämpft. Er ist wieder gesund, hat keine bleibenden Schäden davongetragen. Doch der Alte ist er auch nicht mehr.

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Dem dreifachen Vater ist bewusst geworden, wie zerbrechlich das Glück ist. Er rege sich nicht mehr auf, wenn die S-Bahn Verspätung hat oder Kleinigkeiten zu einer Debatte im Bauausschuss führen. Wenn die Familie zum Abendessen zusammenkommt, weiß er um die Kostbarkeit der gemeinsamen Stunden. Die Worte "in guten wie in schlechten Zeiten" - sie haben für ihn eine ganz neue Dimension erhalten. Die schlechten Zeiten waren schlichtweg nicht einkalkuliert.

"Für meine Familie war das eine schwierige Zeit", erzählt er. Sie besucht ihn täglich im Krankenhaus. Als er über den Berg ist, wird er verlegt, macht eine erste Reha. "Ich wusste sehr früh, dass ich geistig nicht geschädigt war", erzählt er. Doch sein Körper schafft es zum damaligen Zeitpunkt noch nicht, die Druckentlastung im Gehirn selbständig zu regulieren. Er ist matt, hat keine Kraft zu sprechen oder zu lesen. Zusammen mit der Familie entscheidet er sich für eine zweite Operation. Er ist noch nicht lange aus der Narkose erwacht, da beginnt er wieder zu lesen, sich selbst und seine Fähigkeiten zu prüfen. Er checkt den Abiturstoff seiner Lehrfächer, ob noch alles präsent ist - Stoffwechsel, Genetik, Fotosynthese -, lässt sich die neuesten Ausgaben von "Spektrum der Wissenschaft" ins Krankenhaus bringen. Die Schmerzmittel setzt er früh ab, "ich wollte wissen, woran ich bin".

Anfang August darf er zurück nach Hause. Die Ärzte raten ihm, mit der beruflichen Wiedereingliederung noch zu warten, aber Siebler steht am ersten Schultag Mitte September im Klassenzimmer. "Ich habe eine Abiturklasse, noch dazu ein W-Seminar, das wollte ich fortsetzen." Etwa fünfzig Prozent arbeitet er momentan, das lange Stehen und Sprechen strenge ihn schon an, "aber es geht", sagt er. Im Februar will er aufstocken.

Bei der Feuerwehr ist er wieder im Dienst, auch wenn er erst Ende Oktober wieder plant, bei Einsätzen dabeizusein. "Wenn der Piepser geht und meine Söhne losspurten, dann möchte ich schon manchmal mit", erzählt er mit einem Lächeln. Doch die Fitness fehle noch. Er radelt und joggt regelmäßig, geht auch schon wieder eine längere Runde spazieren. Die Knochenbrüche sind gut geheilt. "Ich bin wieder zurück im Leben", sagt Siebler.

Bald will er mit seiner Familie darüber sprechen, ob er wieder Motorradfahren wird. Er hätte Lust. Von seiner total geschrotteten Triumph hat er sich vor ein paar Wochen verabschiedet. "Es hat mir schon das Herz geblutet, sie so zu sehen. Aber lieber die Maschine als ich."