Nach dem Doppelmord von Krailling:Die Angst weicht dem Entsetzen

Er soll seine Nichten brutal ermordet haben: Ein 50-Jähriger gilt im Doppelmord von Krailling als dringend tatverdächtig. Haftbefehl wurde bereits erlassen. Doch im Heimatort der beiden Mädchen ist das Misstrauen noch immer allgegenwärtig.

Thomas Anlauf und Birgit Kruse

Die Idylle in Krailling bei München trügt: Die Fenster sind weit aufgerissen, der Blick fällt auf die Würm, die in der Sonne glitzernd rauscht. Ludwig Götz lehnt in seinem schweren schwarzen Ledersofa, seine Augen schweifen durchs Zimmer. "Angst", sagt er, "schlicht und ergreifend Angst." Das ist das, was der Kirchenmusiker in den vergangenen Tagen gespürt hat, bei den Kindern seines Chors von St. Elisabeth, auch bei den Erwachsenen. Manche haben sich entschuldigt, sie könnten jetzt nicht proben, nicht singen, in diesen Tagen.

Zweifacher Kindermord von Krailling vor der Aufklaerung

Nach dem zweifachen Kindermord von Krailling liegt vor dem Haus der beiden Mädchen ein Schild mit der Aufschrift: "Erinnerung an: Sharon und Chiara".

(Foto: dapd)

Götz versteht das. Er selbst hat drei Mädchen, wohnt fast exakt gegenüber dem Haus in der Margaretenstraße, wo sich die grausame Tat ereignet hat. In der Nacht vom 24. März sind im ersten Stock des Mehrfamilienhauses die beiden Schwestern Chiara (8) und Sharon (11) brutal ermordet worden. Erstochen und erschlagen, wird die Polizei später feststellen. Die Mutter und ihr Lebensgefährte haben die blutüberströmten Leichen im Morgengrauen gefunden, als sie aus der benachbarten Kneipe um 4.40 Uhr in die Wohnung zurückkehren. Wann der Mörder zugeschlagen hat, kann auch die spätere Obduktion nicht klären.

Krailling ist ein beschaulicher Ort. Er liegt im Würmtal, südwestlich von München. Der Starnberger See ist nur wenige Kilometer entfernt. Etwa 8300 Einwohner hat der Ort. Man kennt sich hier, vertraut sich. Doch nach der Tat macht sich Angst breit. "Nach diesem Verbrechen wird nichts mehr so sein, wie es war", sagt Bürgermeisterin Christine Borst (CSU). Das Misstrauen sei allgegenwärtig. "Die Lebendigkeit, die Leichtigkeit ist vorbei", beschreibt Borst die Stimmung in ihrer Gemeinde. Eine Mutter zweier kleiner Buben im Alter von drei und fünf Jahren sagt, die Kraillinger seien sicherlich froh, dass der Tatvferdächtige aus der Familie stamme "und kein Verrückter im Dorf herum läuft".

Zwei Tage nach der Tat wird Götz von einer seiner Töchter gefragt: "Papa, warum können wir die Wohnungstür nicht von innen absperren?" Er hatte noch nie darüber nachgedacht. Wer sperrt hier schon seine Tür ab? Hier kann doch nichts passieren. Doch es ist passiert. Die Tür zur Wohnung der ermordeten Mädchen war nicht abgesperrt - und von außen einfach durch eine Klinke zu öffnen. Die Mutter hatte Sorge, die Kinder könnten im Falle eines Brandes sich nicht aus der Wohnung retten.

Seit Freitag gibt es einen dringend Tatverdächtigen. Und in Krailling weicht die Angst dem Entsetzen: Denn bei dem Verdächtigen handelt es sich um den Onkel der beiden Kinder.

Eine DNS-Spur brachte die Beamten auf die Spur von Thomas S.: In der Wohnung der ermordeten Kinder konnte eine Blutspur sichergestellt werden. Die Spur stammte weder von der Mutter der beiden Mädchen, noch von deren Lebensgefährten. Beim Vergleich seiner Probe mit der Blutspur stießen die Kriminaltechniker auf den DNS-Treffer. Auch keinem der Ermittler oder Helfer am Tatort konnte die DNS zugeordnet werden. Die Spur gehörte folglich zum mutmaßlichen Täter.

Peißenberg: Die Rollladen sind heruntergelassen

Zwar reicht eine DNS-Spur alleine nicht aus, um einen Doppelmörder zu überführen. Dazu bedarf es weiterer Beweise oder einer schlüssigen Indizienkette, die auf sorgfältiger Polizeirecherche gründet. Inzwischen ist Haftbefehl gegen den Mann erlassen worden.

Ein Geständnis hat der 50-Jährige, der selbst Vater von vier Kindern ist, bei den bisherigen Vernehmungen nicht abgelegt. Außerdem spricht die Polizei davon, dass es immer wieder Widersprüche in seinen Aussagen gibt. Freitag wurde er bis kurz vor Mitternacht von den Beamten vernommen - jetzt schweigt er, spricht nicht mehr mit den Beamten. Die Ermittlungen gehen also weiter. In welche Richtung, dazu schweigen die Beamten.

55 Kilometer vom Tatort entfernt liegt Peißenberg, der Heimatort des Verdächtigen. Vor seinem Anwesen hat eine Spezialeinheit der Polizei Thomas S. am Freitag um 17 Uhr festgenommen. Die Rollladen am Haus sind heruntergelassen. An der Tür klebt das kleine Verschlusssiegel der Kripo. Seine Frau wurde inzwischen auch vernommen, die Kinder befinden sich in der Obhut des Jugendamtes.

Eine Nachbarin von gegenüber sagt: "Dass hier nicht alles im Lot war, konnten alle sehen." Thomas S., der als Postzusteller im Raum Starnberg arbeitete, hatte sich wohl beim Hausbau übernommen. Er brauchte dringend Geld, das ist allen Anwohnern klar. Sie berichten, vor einem Jahr sei der Mann mit seiner Frau und den vier Kindern eingezogen. Doch noch immer sieht es um das Haus aus wie auf einer Baustelle: An der Tür ragen Eisenstreben heraus, ein Garten ist nicht angelegt, die Garagentüren sind mit Sperrholz zugenagelt. "So sieht es hier seit dem Einzug aus", sagt ein Nachbar. Erbschaftsstreit, Geldsorgen - heißt es.

Die Polizei äußert sich indes nicht zu einem möglichen Motiv des Verdächtigen. "Es gibt keine konkrete Motivlage, die wir nennen könnten", sagt Markus Kraus. Er leitet die Soko "Margarete".

Ein Trauergottesdienst hat es inzwischen in Krailling gegeben. Und am Freitag wurden die beiden Mädchen in bunt bemalten Särgen beigesetzt. Hunderte Trauergäste kamen nach Krailling - der Onkel, der mutmaßliche Täter, fehlte. Ludwig Götz, der Kirchenmusiker, musste die Lieder für den Trauergottesdienst zusammenstellen. "Was spielt man da?", hat er sich gefragt. Gibt es eine Musik für diese Ohnmacht? Die Partitur des Stücks, das er für das geeignetste hielt, liegt auch noch vier Tage nach dem Gottesdienst auf dem schwarzen Flügel. Die "Aria" von Bach aus den Goldberg-Variationen.

Der Mann mit dem grauen Dreitagebart sitzt nun dort und schlägt die Töne an; sie tropfen, leicht, schwebend. Nach ein paar Takten bricht er ab. "Vielleicht wäre es das richtige Stück gewesen", sagt er. Dazu hätte er aber einen Flügel in der Kirche aufbauen müssen. Doch der Pfarrer winkte ab. Götz spielte dann halt Bachs "Air", das übliche, auf der Orgel.

Für die Beamten ist der Fall noch nicht abgeschlossen. Mehr als 100 Personen hat die Soko "Margarete" bislang vernommen. 141 Hinweisen aus der Bevölkerung sind die Beamten nachgegangen. Alle Hinweise müssen abgearbeitet und sortiert werden, die Beweise "gerichtsverwertbar" aufbereitet werden. Außerdem hoffen die Beamten auch weiterhin, Hinweise aus der Bevölkerung zu bekommen. Hinweise zu dem Festgenommenen, oder andere Beobachtungen. "Wir sind Puzzlezusammensteller", sagt Polizeisprecher Wolfgang Wenger. Und wenn das Puzzle zusammengesetzt ist, wird die Polizei hoffentlich noch Antworten auf diese eine Frage finden: Warum?

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