Mythen Die Maus als Schatzsucher und Menschenfresser

Eine Maus soll die Reliquien einst entdeckt haben. In Andechs erinnert an diese Kulturleistung eine mäusemäßig versteckte Bronzeskulptur.

(Foto: Georgine Treybal)

Einer Maus ist es angeblich zu verdanken, dass der Reliquienschatz von Kloster Andechs wiederentdeckt worden ist. Andere Artgenossen sollen einen Grafen bei lebendigem Leib aufgefressen haben.

Von Astrid Becker

Es soll noch heute Menschen im Fünfseenland - und sicher auch anderswo - geben, die beim Anblick eines Mäuschens schreckensbleich werden und kreischend um ihr Seelenheil fürchten. Wieder andere können diese Haltung so gar nicht nachvollziehen, preisen stattdessen die "Sendung mit der Maus" und geraten in schiere Verzückung, wenn sie auf das kleine Tier mit den großen braunen Augen treffen.

Für vernunftbegabte Wesen - oder zumindest für die, die sich dafür halten - mag sowohl die eine als auch die andere Reaktion ein wenig hysterisch wirken. Doch ganz so einfach ist es nicht. Wer in die Welt der Mythen und Sagen blickt, wird schnell feststellen, dass die Maus dort eine Art Zwitterstellung einnimmt. Mal ist sie Unheilsbringer, mal wahrer Segen. Im Fünfseenland jedenfalls wird sie beiden Rollen wunderbar gerecht.

Sagen und Mythen Der diabolische Pudel
Sagen und Mythen

Der diabolische Pudel

Ein rabenschwarzer Hund soll in Grünsink und Percha sein Unwesen getrieben und nächtlichen Wanderern auf der Würmbrücke einen Heidenschrecken eingejagt haben. Womöglich diente die Mär auch nur dazu, Zecher zur rechtzeitigen Heimkehr zu animieren.   Von Armin Greune

Was wäre beispielsweise das Kloster Andechs als Wallfahrtsort ohne sie? Zumindest verleiht die Geschichte einer Maus, die maßgeblich zur Gründung des Benediktinerklosters beigetragen haben soll, dem Ganzen zusätzlichen Charme. In vielen Büchern über das Kloster und selbst auf der aktuellen Homepage wird diese Sage noch immer gern erzählt.

Demnach reicht die Wallfahrt in Andechs zwar schon recht lange zurück, immerhin bis ins 12. Jahrhundert. In eine Zeit also, in der auf dem Heiligen Berg keine Mönchen lebten, sondern das Grafengeschlecht derer von Dießen-Andechs-Meranien. Auch ein Kloster gab es damals dort noch nicht, sondern eine Burg, die allerdings seit dem 10. Jahrhundert wertvolle Reliquien barg. Es heißt, der legendäre Ahnherr der Grafen, Graf Rasso, habe sie einst von einer Pilgerfahrt ins Heilige Land mitgebracht. Sein Nachfahre, Graf Berthold II. von Andechs, soll dann seine Untertanen 1128 dazu verpflichtet haben, alljährlich die Reliquien des sogenannten "Heiltums" zu verehren. Dazu gehörten unter anderem ein Zweig aus der Dornenkrone, ein Teil des "Spottzepters Christi", ein Stück vom Kreuz Christi sowie ein Teil des Schweißtuches oder auch die "Heiligen Drei Hostien", die noch heute in einem eigenen Fest verehrt werden.

Mit der Zerstörung der Burg (wahrscheinlich 1246) durch die Wittelsbacher nach jahrelangen Machtkämpfen galt dieser Reliquienschatz als verschollen, wenn nicht gar für immer verloren. Ein wenig mehr als 100 Jahre später war es angeblich einer Maus zu verdanken, dass dieser Schatz wieder gefunden wurde. Während einer Messe in der ehemaligen Burgkapelle soll sie einen Reliquienzettel ans Tageslicht gezerrt haben. Deshalb wurde am 26. Mai 1388 im Beisein der Wittelsbacher Herzöge Stephan III. und Friedrich unter dem Altar gegraben. Gefunden wurde eine Kiste, in der sich Teile des Heiligen Schatzes befanden - eingehüllt im Brautkleid der Heiligen Elisabeth.

Ob es wirklich einer Maus zu verdanken war, dass dies alles wieder auftauchte, ist nicht belegt. Als historisch gesichert gilt allerdings, dass der Schatz wirklich unter dem Altar vergraben war, dort wiederentdeckt wurde und dass mit seinem Fund die Pilger wieder auf den Heiligen Berg strömten. Deshalb gründete der Wittelsbacher Herzog Albrecht III. 1455 das Benediktinerkloster Andechs "zur Pflege und sicheren Verwahrung des "Heiltums" und zur Betreuung der Wallfahrer", wie auf der Website des Klosters zu lesen ist.

Eine Prozession gegen die Mäuseplage

Mäuse waren es auch, die in Krailling maßgeblich zur Heiligenverehrung beigetragen haben. Gisela Schinzel (heute Schinzel-Penth) berichtet zum Beispiel in ihrem Buch "Das versunkene Schloss" von einer schrecklichen Mäuseplage, die die Würmtalgemeinde vor etwa 200 Jahren heimgesucht haben soll. Die Menschen hätten sich der vielen Mäuse nicht mehr erwehren können. Zu Hunderten seien sie auf den Feldern gesessen und hätten die Wurzeln der Getreidehalme so lange benagt, bis diese zugrunde gingen. Der dadurch entstandene Flurschaden muss jedenfalls enorm gewesen sein. Auch vor den Häusern der Bauern machten sie angeblich keinen Halt. Sie fraßen Brot, Äpfel, Käse und knabberten an Tischbeinen, Stühlen und Schränken.

Selbst als die Kraillinger Fallen aufstellten und vergifteten Weizen ausstreuten und sogar einen Preis auf jede erlegte Maus aussetzten, konnten sie die Plage nicht eindämmen. Erst als sie für die Schutzpatronin ihrer Kirche, die Heilige Margareta, eine Bittprozession über die gefährdeten Fluren abhielten und feierlich gelobten, diese jährlich zu wiederholen, nahm die Plage ein Ende. Viele Jahre lang hielten die Kraillinger am Gelübde fest, bis sie es irgendwann vergaßen. 1972 erinnerte sich der Schmiedemeister Konrad Siebler wieder daran, seither gibt es sie wieder, die festliche Margaretenprozession, die ihren Ursprung in einer Mäuseplage hat.

Wie die "Mausinsel" zu ihrem Namen kam

Mit Mäusen schwer zu kämpfen hatte einst auch vor vielen hundert Jahren, angeblich lange vor den Grafen von Toerring, der Schlossherr von Seefeld. Er soll sehr reich gewesen sein, aber auch recht grausam. Die Bauern der Umgebung waren zu dieser Zeit sehr arm - und als eine Hungersnot ausbrach, baten sie den Grafen um Hilfe. Der richtete stattdessen lieber ein recht verschwenderisches Fest aus und riet den Leuten, für sich selbst zu sorgen. Als sich die armen Bauern am Abend des Festes vor dem Schloss zusammenrotteten und den Grafen lautstark um Essen für sich und ihre Kinder anflehten, geriet der Schlossherr in Wut.

Er ließ das Bettelvolk in eine Scheune treiben und zündete sie an. Er soll die sterbenden Menschen dann noch verhöhnt haben: "Hört Ihr das Wimmern der Mäuse und Ratten? Gut, dass dies Ungeziefer bald ausgerottet ist." Nur kurze Zeit später schien es so, als hätten sich die so grausam ermordeten Menschen in Ratten und Mäuse verwandelt, die in Scharen auf das Schloss Seefeld einfielen. Sie fraßen nicht nur sämtliche Lebensmittel im Schloss an, sondern piesackten auch den Grafen ununterbrochen, bis er glaubte, wahnsinnig zu werden.

Die Maus in der griechischen Mythologie

Mit einer Maus verbindet der Mensch in unseren Breitengraden allerlei Eigenschaften. So gilt beispielsweise "mausgrau" oder gar "graues Mäuschen" nach wie vor nicht gerade als Kompliment. Jemand, der so beschrieben wird, ist in der Regel ängstlich, schüchtern und versteht es einfach nicht, mehr aus seiner Person zu machen. Gern gesehene Gäste sind Mäuse ebenfalls nicht, gehört es doch zu ihren normalen Verhaltensweisen, sich an Nahrungsvorräten zu schaffen zu machen. Dies erklärt möglicherweise den Ekel, den manche Menschen bei dem Anblick einer Maus empfinden. Aus Not- und Kriegszeiten stammt wohl die Redewendung "arm wie eine Kirchenmaus", weil die Tiere in einem solchen Unterschlupf wenig oder gar keine Nahrung finden. Im Volksmund hat die Maus zudem noch einen schlechten Ruf, weil ihr eine Verbindung zum Teufel nachgesagt wird. Sie nage, heißt es, an den Wurzeln des Lebensbaumes. Eine Fabel von Aesop, "das Mäuschen und der Löwe", zeigt die Maus allerdings in einem anderen, besseren Licht. Dort rettet sie einem Löwen das Leben, indem sie das Netz zerbeißt, in dem er sich verfangen hat. Der Löwe hatte das kleine Tier zuvor noch arg damit verspottet, dass es ohnehin nichts ausrichten könne, weil es so klein sei. Manche Sprachforscher sehen in dieser Geschichte sogar den Ursprung der Redewendung "da beißt die Maus keinen Faden ab", was nichts anderes bedeutet als, dass es an bestimmten Dingen nichts mehr zu ändern gibt.

Auch in die griechischen Mythologie haben Mäuse und Ratten auf besondere Weise Eingang gefunden. So tragen die Götter Apollon und bisweilen auch Dionysos den Beinamen Sminthios oder auch Smintheus - wie auch Homer den Apollon in der Ilias nennt. Das Wort leitet sich wohl aus dem Kretischen oder Phrygischen "sminthos" ab, das mit "Mäusevertilger" übersetzt werden kann. Allerdings gehen Seuchen (für die ja auch Mäuse und Ratten stehen) in der griechischen Mythologie ebenfalls von Apollon aus. Deshalb ist die Etymologie dieses nichtgriechischen Wortes nicht ganz klar - ebenso wenig wie die Frage eindeutig zu beantworten ist, ob Apollon Smintheus mit dem Seuchen- und Pestgott Apollon gleichzusetzen ist. Mäuse und Ratten wird dies aber wohl ohnehin nicht interessieren. Dass sie in modernen Zeiten sogar Kultfiguren geworden sind, wird ihnen wohl kaum bewusst sein. Man denke nur einmal an "Micky Maus", die "Sendung mit der Maus" oder "Pinky und der Brain." abec

Er flüchtete sich in seiner Not auf die Insel im Wörthsee, im festen Glauben, dass ihm Mäuse und Ratten nicht folgen könnten. Doch mitnichten. Sie schwammen ihm nach und fraßen ihn eines Nachts bei lebendigem Leib auf. So die Geschichte, der man bis heute nachsagt, der Insel im Wörthsee den Namen "Mausinsel" eingebracht zu haben. Die Insel gehört übrigens noch heute den Grafen von Toerring. Sie ist aber verpachtet und wird bewohnt. Daher ist sie nicht öffentlich zugänglich.

Gisela Schinzel-Penth, "Sagen und Legenden um das Fünfseenland und Wolfratshausen", Ambrolacus Buch- und Bildverlag. Gisela Schinzel, "Das versunkene Schloss", Hornung Verlag München. Birgitta Klemenz (Hrsg.), "Kloster Andechs", Verlag Schnell und Steiner.

Tiere Mäuse machen beim Flirten Krach wie ein Flugzeug

Zoologie

Mäuse machen beim Flirten Krach wie ein Flugzeug

Wenn Nagetiere auf Partnersuche gehen, dann singen sie. Forscher haben nun untersucht, wie die Tiere die schrillen Töne erzeugen. Ergebnis: Ähnlich wie ein Düsentriebwerk.   Von Marlene Weyerer