Der bayerische Ministerpräsident kommt immer mal wieder gerne nach Oberpfaffenhofen. Erst im Mai war er bei der Grundsteinlegung für das Galileo-Kompetenzzentrum, an dem der Freistaat mit 25 Millionen Euro beteiligt ist. Und vor wenigen Tagen hat Markus Söder zum „Mondgipfel“ im Deutschen Raumfahrtkontrollzentrum (GSOC) am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) geladen. Das Thema lautete tatsächlich: „Bayern als Schlüsselstandort auf dem Weg zum Mond“. Der Astronaut Alexander Gerst war da, Repräsentanten von DLR und ESA. Für den Starnberger Landrat Stefan Frey (CSU) war das ein guter Moment für PR in eigener Sache, oder vielmehr für ein Anliegen vieler Menschen im Fünfseenland, das gerade so gute Realisierungschancen hat wie schon lange nicht mehr: die Reaktivierung des Bahnhofs Weichselbaum auf der Strecke der S8 nach Herrsching, direkt gegenüber der Einfahrt zum DLR.
Die Geschichte des Haltepunkts reicht fast 90 Jahre zurück. Zunächst diente die Station in den Dreißigerjahren ausschließlich dem Berufsverkehr zu den damaligen Dornier-Werken, später wurde sie für den allgemeinen Verkehr geöffnet. Im Zuge des Streckenausbaus für die S-Bahn wurde der Bahnhof 1972 stillgelegt und durch den Haltepunkt in Neugilching einen Kilometer nordöstlich ersetzt. Seither hat sich aber einiges geändert; vor allem haben DLR und Sonderflughafen sowie das Umfeld mit vielen Firmen an Bedeutung gewonnen. Siehe: Mondgipfel. Mittlerweile arbeiten etwa 12 000 Beschäftigte in Büros und Werkshallen rund um die Startbahn, und für die wäre eine S-Bahn direkt zum Arbeitsplatz schon sehr praktisch.
Wie unpraktisch der Weg zum Arbeitsplatz für viele bisher ist, schildert Professor Christian Juckenack, der als Berater des Flughafen-Eigentümers Triwo fungiert, recht anschaulich. Jeden Morgen und Abend sei ein Gänsemarsch von Beschäftigten von oder nach Neugilching zu beobachten. Weil die Busanbindung für sie ungünstig sei, nähmen sie einen knapp halbstündigen Fußweg in Kauf. Währenddessen fährt die S-Bahn im 20-Minuten-Takt vorbei. Ein Halt sei „seit jeher heiß ersehnt“, zumal es sich um den bedeutendsten Standort der Luft- und Raumfahrt in Deutschland handle. Entsprechend lautet Juckenacks Vorschlag für den Namen des Bahnhofs „Campus Oberpfaffenhofen“.
Weichselbaum selbst ist ein Ortsteil von Weßling und besteht nur aus ein paar Häusern. Der Haltepunkt liegt etwa 700 Meter nördlich des Ortes. Der Eingang zum DLR-Gelände liegt fast in Sichtweite, Luftlinie sind es nur gut 400 Meter. Bisher ist die Anreise für die vielen Beschäftigten auf dem Campus oft umständlich, manche kommen über den Bahnhof in Weßling und weiter mit dem Bus. Der weit überwiegende Teil reist nach Unterlagen des Landkreises mit dem Auto an, die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr sei „deutlich verbesserungswürdig“, der derzeitige Engpass ein „Standortnachteil“.

Im Auftrag des bayerischen Verkehrsministeriums haben Gutachter in drei Büros in München und Zürich eine gut 50-seitige Machbarkeitsstudie zu einem zusätzlichen Halt zwischen Neugilching und Weßling erstellt. Darin geht es schon ins Detail: Von Außenbahnsteigen mit einer Länge von jeweils 210 Metern ist darin etwa die Rede, dass ein Parkplatz mit 400 Stellplätzen entstehen soll und eine neue Bushaltestelle. Die Fachleute rechnen mit mehr als 10 000 Personen, die pro Tag dort ein- und aussteigen. Die Kosten werden mit knapp 70 Millionen Euro angegeben; allerdings ist das der Stand vom Jahr 2016.
„Positives Kosten-Nutzen-Verhältnis“
Das Fazit der Fachleute: „Die Maßnahme S-Bahnhalt Weichselbaum erzielt im Saldo positive Wirkungen im ÖPNV durch zusätzliche Fahrgäste und Reisezeitersparnisse“. Das klingt vielversprechend, und Landrat Frey rührt die Werbetrommel. Immer wieder habe er in der Staatsregierung nachgefragt, hat er kürzlich im Mobilitätsausschuss des Kreistags berichtet. Nicht zuletzt eine Antwort aus dem Verkehrsministerium macht ihn zuversichtlich, denn auch darin ist von einem „positiven Kosten-Nutzen-Verhältnis“ die Rede und davon, dass das Vorhaben weiter verfolgt werden solle. „Das ist ein großer Quantensprung“, sagte Frey. „Jetzt, wo der Zug rollt, sollten wir mitfahren.“
Das Aufspringen auf den rollenden Zug sieht so aus, dass der Kreis nun gegenüber der Staatsregierung noch einmal sein Interesse an der „Etablierung einer Mobilitätsdrehscheibe“ bei Weichselbaum bekräftigt. Einmütig haben sich dafür Mobilitäts- und Kreisausschuss ausgesprochen. Gleichlautende Beschlüsse haben auf Wunsch des Landrats schon zuvor auch die Gemeinderäte in den Anliegergemeinden Gilching und Gauting gefasst. Dass es noch eine weite Fahrt bis zu einem Zwischenhalt Weichselbaum wird, ist den Kommunalpolitikern im Landkreis Starnberg allerdings auch klar. Frey sieht da einen zeitlichen Zusammenhang mit der Fertigstellung der zweiten Stammstrecke für die S-Bahn. Das wäre etwa 2035.
Unterdessen treibt die Gilchinger aber auch eine Sorge im Zusammenhang mit den Diskussionen um eine Reaktivierung des Haltepunkts Weichselbaum um: CSU-Kreisrat Harald Schwab aus Gilching machte im Mobilitätsausschuss schon prophylaktisch deutlich, dass der Halt in Geisenbrunn dann nicht aufgegeben werden dürfe. Dieser Bahnhof sei „unverzichtbar“ und müsse erhalten werden.

