Musik Verhextes Fest

Bodenständig: Carl Orffs „Weihnachtsspiel“ bei einer Aufführung in Dießen am Ammersee.

(Foto: Georgine Treybal)

Orffs Weihnachtsspiel in reduzierter Fassung in Dießen aufgeführt

Von Reinhard Palmer, Dießen

Latein, Bairisch, Altgriechisch: eine aparte Mischung, auf die wohl nur Carl Orff kommen konnte. Aber genau das ist die große Stärke des Weihnachtsspiels "Ludus de nato Infante mirificus", denn musikalisch betrachtet stehen diese Sprachen in einem reizvollen Kontrast zueinander. Es geht dabei weniger um die sprachliche Ausdrucksweise und Erzählung als vielmehr um deren Rhythmus, Melodie und Klangfarbe.

Wer die Hexenszene aus Orffs "Die Bernauerin" kennt, fand sich hier im Dießener Traidtkasten des Marienmünsters bei der konzertanten Aufführung des Weihnachtsspiels sicher daran erinnert. Sich jetzt darüber zu wundern, dass in diesem Weihnachtsspiel Hexen vorkommen, kann zwei Gründe haben. Zum einen wird es immer wieder mit dem Krippenspiel von Orffs Assistentin Gunild Keetman verwechselt, für das Orff in seiner Dialektbegeisterung zwar den Text schrieb, aber keine einzige Note komponierte. Zum anderen resultiert daraus in der Regel auch die Unkenntnis des Weihnachtsspiels von Orff, in dem der Komponist wie so oft die Sagenwelt hineinbrachte. Es ist das Pendant zum Osterspiel "Comoedia de Christi Resurrectione", für das Orff ebenfalls das mehrsprachige Libretto schrieb. Die Uraufführung hatte Wieland Wagner übernommen. Hexen kommen darin zwar nicht vor, dafür aber der Leibhaftige, der es wieder mal nicht lassen kann, um Seelen zu karteln.

Das Weihnachtsspiel kokettiert durchaus mit der pastoral-alpenländischen Krippenspieltradition, doch nur vordergründig. Denn die Art und Weise, wie die Hexen skandieren und grooven, in enger Verbindung zu den begleitenden Perkussionsinstrumenten, die der musikalischen Qualität der Sprache zur Abstraktion verhelfen, war im Jahr der Uraufführung 1960 gewiss revolutionär.

Die Schauspielerin und Sängerin Anna Maria Sturm erwies sich in der Hexenrolle als geradezu ideal, vermochte sie doch zwischen Sprach- und Gesangsdiktion nahtlos zu changieren und insbesondere in der Rhythmik packende Momente herauszuarbeiten. Die Zusammenarbeit mit den in München ausgebildeten Schlagwerkern Christian Felix Benning und Patrick Stapleton funktionierte mühelos und potenzierte mit Straffheit und Präzision die schauerliche Wirkung.

Schauspieler Robert Ludewig hatte alle Hirten ohne Schlagwerk sprachmusikalisch auszugestalten, was er mit Bravour und Witz löste. Die biblische Handlung samt Ankunft der Magier - als Träume der Hirten nacherzählt - trug er volksmärchenhaft fesselnd vor. Die musikalische wie sprecherische Besetzung war im Traidtkasten extrem reduziert. Die Choreinspielungen aus dem Off von der Aufführung Kurt Eichhorns (BR, 1971) in einer überaus magischen Atmosphäre gingen zwar über Orffs Bandverwendung weit hinaus, doch gab der Komponist mit seinen Einspielungen das Signal dazu, mit dem Werk flexibel umzugehen. Man wünschte sich aber dennoch eine szenische Umsetzung.