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Münsing:Zwischen den Welten

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Medizinischer Entwicklungshelfer: Matthias Richter-Turtur operierte etwa in Haiti Opfer des verheerenden Erdbebens von 2010.

(Foto: Privat)

Der Politiker Matthias Richter-Turtur will sich künftig mehr um die medizinische Entwicklungshilfe kümmern

Überall Zerstörung, viele Häuser in Trümmern: Chirurg und Kreisrat Matthias Richter-Turtur aus Münsing erreicht Haiti schon kurz nach dem verheerenden Erdbeben vor sieben Jahren, der heute 69-Jährige war mit der Hilfsorganisation "Humedica" im Katastrophengebiet. Im Krankenhaus Espoir liegen die Verletzten sogar im Hof. Der Arzt muss improvisieren. Statt ein gebrochenes Bein zu operieren, wird es mit einem Pflaster stabilisiert, an dem ein Stein befestigt wird, der die Spannung hält.

Die medizinische Versorgung in Entwicklungsländern verbessern: Diesem Ziel will Richter-Turtur künftig wieder mehr Zeit einräumen. Deshalb hat er schriftlich seinen sofortigen Rückzug als Kreisrat für die Freien Unabhängigen Wähler (FUW) erklärt. Im Münsinger Gemeinderat will er sein Mandat weiterhin behalten. In beiden Gremien war der Medizinprofessor und frühere Chefarzt an der Wolfratshauser Kreisklinik seit 2008 vertreten.

Schon während seines Studiums in München begann sich Richter-Turtur für die Schwierigkeiten der medizinischen Versorgung in Entwicklungsländern zu interessieren. Als junger Assistenzarzt für Chirurgie in München ließ er sich 1981 für ein halbes Jahr freistellen, um als Gastarzt im Kenyatta National Hospital von Nairobi in Kenia tätig zu sein. Seitdem bildet er afrikanische Chirurgenkollegen aus. Für die Stiftung des Schauspielers Karlheinz Böhm "Menschen für Menschen" hat er medizinische Projekte in Äthiopien aufgebaut.

Eines hat Richter-Turtur aus seinem Engagement im Ausland gelernt: Eins zu eins übertragen lässt sich die Hightech-Medizin aus den führenden Industrieländern nicht. "Wir müssen dort althergebrachte Techniken pflegen." So würden etwa in Deutschland spezielle Oberarmfrakturen fast immer operiert. Wegen der schlechten hygienischen Verhältnisse in Entwicklungsländern könne dort eine konservative Behandlung mit guter Gipstechnik ohne Operation besser sein, sagt er.

Derzeit arbeitet der Chirurg daran, eine medizinische Partnerschaft zwischen dem Münchner Klinikum Rechts der Isar und dem Krankenhaus im ghanaischen Kumasi zu etablieren. Dieses Engagement steht im Zusammenhang mit einem Programm des Bundesministeriums für wirtschaftliche Entwicklung für Klinikpartnerschaften. "Das finde ich eine prima Idee", sagt Richter-Turtur. Zudem habe er in seiner Zeit als Chefarzt der Wolfratshauser Kreisklinik afrikanische Kollegen ausgebildet, von denen einer nun ärztlicher Direktor in der Millionenstadt Kumasi in Ghana sei. Darüber hinaus organisiert Richter-Turtur als zweiter Vorsitzender der chirurgischen Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungsländer wissenschaftliche Tagungen. Als Operateur ist Richter-Turtur nicht mehr tätig: "Das Schneiden überlasse ich lieber Jüngeren." Jahrzehntelang hat der auf Hüfte, Knie und Rücken spezialisierte Facharzt in Deutschland gearbeitet. 1995 kam er als Oberarzt an die Wolfratshauser Kreisklinik, zwei Jahre später wurde er Chefarzt.

Doch im Februar 2007 erlebte er dort eine schwere Auseinandersetzung: Richter-Turtur hatte an der Kompetenz eines externen Gutachters gezweifelt, der seiner Ansicht nach unrealistische Fallzahlen als Ziel genannt hatte. Ein jahrelanger Rechtsstreit folgte. Das Arbeitsgericht München hielt die Kündigung für rechtswidrig. Doch 2009 legten beide Seiten die Auseinandersetzungen mit einem Vergleich bei. Über dessen Inhalt vereinbarten sie Stillschweigen. Später war Richter-Turtur an der privaten Isar-Klinik in München tätig.

Erst vor rund neun Jahren wurde Richter-Turtur in den Gremien der Kommunalpolitik aktiv. Er vertritt seine Meinung beharrlich und direkt, wenn nötig als einziger gegen Widerstand. Ebenso wenig scheut er vor persönlicher Kritik zurück, was wohl auch zu manchem Zwist führte. So wirft er noch in seiner Rücktrittsmail dem FDP-Kreisrat Günther Fuhrmann vor, den FUW-Kreisratsmitgliedern undemokratisch die Mitgliedschaft in der Ausschussgemeinschaft und damit die parlamentarischen Untergremien verwehrt zu haben.

Dass ihm im Kreistag mit Franz Hartmann ein Arzt nachfolgt, findet Richter-Turtur gut. Denn dort fehle medizinischer Sachverstand, sagt er. In der Kommunalpolitik will sich Richter-Turtur weiter zu Wort melden - und schließt auch nicht aus, womöglich zur nächsten Kreistagswahl wieder anzutreten. Aber in den nächsten drei Jahren gehen jetzt erst einmal die Hilfsprojekte vor.