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Münsing:Die fünfbeinige Kuh

Literat mit hintergründigem Humor: Tilman Spengler.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Ein Heimatabend der anderen Art mit Tilman Spengler

Von Barbara Szymanski, Münsing

Großes Staunen üben den Andrang, Stühlerücken, Begrüßungen, nach Luft schnappen: Über 80 Gäste müssen am stürmischen Dienstagabend in den Räumen der Gaststätte Fischmeister in Ambach eng zusammenrücken. Einer der Gäste stellt fest: "Das hier ist wohl ein Heimatabend." Jeder kennt jeden, Tilman Spengler, den Schriftsteller und Sinologen und den Musiklehrer, Chorleiter und Sänger Yoshihisa Kinoshita, sowieso. Ein Heimatabend wird es nicht, sondern eine Art musikalisch-literarisches Kultur-Dinner. Geladen haben die Münsinger Grünen.

Zwar gilt der Schriftsteller als Meister der Improvisation, doch er hat vorbereitete Geschichten mitgebracht. Köstlich jene mit dem Titel "Der stille Toast". Sie spielt in Japan, und der Gastgeber ist kein geringerer als der Tenno. Neben der wilden Speisenfolge aus Gerührtem, Geschütteltem, Gebratenem oder Gesottenem, nämlich Sushi, Tempura und Wiener Schnitzel mit einer Gabel in der einen und Stäbchen in der anderen Hand, gibt es natürlich Tischreden oder eher "harmlose Dröhnlaute", wie Spengler zuspitzt. Dann aber auf Geheiß des Kaisers folgt der stille Toast. Man trinkt ein Glas und schaut einander in die Augen, trinkt noch ein Glas. "Witziger kann keine Rede sein."

Diese Geschichte greift Yoshi Kinoshita auf, bildet acht Gruppen aus den Zuhörern und lässt diese Geräusche aller Art ausüben und danach Schweigen nach Stoppuhr. Ein großes Vergnügen wie auch die Einlagen mit A-capella-Gesang von Ensembles aus dem Umfeld des preisgekrönten Wolfratshauser Kinderchors, 4tune und Fourmidables. Da kommt noch mehr Vergnügen auf, mit fein arrangierten schwedischen oder englischen Gesangsstücken wie "I love coffee, I love tea".

Tilman Spengler kehrt nach literarischen Ausflügen in die bildende Kunst oder das höfliche Rumeiern beim deutsch-chinesischen Außenminister-Dinner ins Bodenständige zurück, zur "berühmten Kuh Clotilde vom Michlbauer". Diese hat ein fünftes Bein. Spengler behauptet, jeder Bettler in Indien führe eine fünfbeinige Kuh mit sich. Diese Tiere kämen dort so häufig vor wie bei uns vierblättrige Kleeblätter, man müsse sie nur finden. Die Novelle endet mit einem berührenden Bild. Auf dem Boot, das der Michlbauer samt Kuh zu der Stelle rudert, an der Königs Ludwig II. vermutlich sein Ende fand, habe Clotilde gelächelt und das fünfte Bein angewinkelt, als tanze sie. Viel Applaus für einen besonderen "Heimatabend".

© SZ vom 15.02.2020

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