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Planespotter:Auf der Jagd nach seltenen Fliegern

Hier hat der Gilchinger Planespotter die Antonov in Oberpfaffenhofen eingefangen.

(Foto: Tobias Grünholz)

Stundenlang legt Tobias Grünholz sich für Fotos von Flugzeugen auf die Lauer - in München und in Oberpfaffenhofen. An Weihnachten gelingt dem Gilchinger ein besonderer Schnappschuss.

Von Patrizia Steipe

Die einen sammeln Figuren aus Überraschungseiern, die anderen Aufkleber für Fußball-Alben, Tobias Grünholz ist "Planespotter". Auf Deutsch könnte man das mit Flugzeugbeobachter übersetzen. Der 36-Jährige sammelt Fotos von Fliegern. Sein Hobby vergleicht er mit dem Angeln, nur dass nicht der Biss eines Fisches, sondern die Landung erwartet wird. Stundenlang steht oder sitzt er entweder alleine oder mit Gleichgesinnten im Klappstuhl am Zaun eines Flughafens. Nähert sich ein Flugzeug im Landeanflug, "springen wir plötzlich alle auf, klettern auf unsere Trittleitern und fotografieren, danach setzen wir uns wieder hin". Seine Ausbeute teilt er auf seiner Facebookseite "TG Aviation Spotter" mit Flugzeugfans weltweit.

2017 hat der Gilchinger mit dem Hobby begonnen. Die Technik der Flugzeuge habe ihn fasziniert, erinnert sich gelernte KFZ-Mechaniker, der mittlerweile in München als Bestatter arbeitet. Fotografiert hatte er vorher schon gerne, seit vier Jahren sind Flugzeuge sein Lieblingsmotiv. Sein Jagdrevier ist das Drehkreuz in München, aber auch der Sonderflughafen in Oberpfaffenhofen. Außerdem zweigt er bei seinen Urlaubsreisen immer einen Tag ab, den er auf dem Flugplatz des jeweiligen Landes verbringt.

Oberpfaffenhofen, Tobias Grüholz

Damit er nicht durch den Zaun fotografieren muss, hat Tobias Grünholz immer eine Leiter dabei.

(Foto: Georgine Treybal)

Ein besonderes Schmuckstück konnte er in Weßling am 24. Dezember fotografieren. Eines der größten Frachtflugzeuge der Welt, eine 30 Jahre alte Antonov An-124 mit beeindruckenden 69 Metern Länge und einer Spannweite von 73 Metern, landete am Sonderflughafen. An Bord hatte sie zwei Do-228, Dornier-Flugzeuge, die auf der Landebahn ausgeladen wurden. Die beiden Flieger der thailändischen Luftwaffe seien zum großen Check gekommen, so Grünholz. Normalerweise ist es wegen des fehlenden Linienverkehrs am Sonderflughafen nicht so einfach herauszufinden, welche Flieger landen. "Meist sind es kleinere Privatmaschinen und Flugzeuge, die zur Wartung kommen."

Derzeit wartet er auf eine Gelegenheit, einen Testflug der Do-228 mit Elektroantrieb für emissionsfreies Fliegen des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt zu erwischen. Die Flugzeugkennung hat er in einer App gespeichert, die ihn informiert, wenn sich die Maschine bewegt. "Es könnte aber sein, dass sie nur aus der Werkshalle geschoben wird", erklärt Grünholz. Tests habe es schon gegeben, "aber da war ich in der Arbeit", bedauert er.

Planespotter gibt es auf der ganzen Welt. Manchen ist es ein Anliegen, jede Flugzeugart einmal vor die Linse zu bekommen, Grünholz geht es um die Vielfalt: "Ich fotografiere alles, was fliegt." Dabei ist er auf der Suche nach Höhepunkten wie beispielsweise Flugzeuge mit Sonderlackierungen. Viele Airlines gestalten ihre Flieger zu Jubiläen oder Sportereignissen um. Auch Retrodesigns gibt es, außerdem mieten sich Firmen für Werbezwecke die Fläche eines ganzen Flugzeugs. Grünholz hat beispielsweise einen Flieger im "Star Wars"-Look fotografiert.

Um zu wissen, was wo landet, ist Recherche notwendig. Anhand einer Flug-App informiert sich Grünholz darüber, welches Flugzeug erwartet wird. Jede Maschine hat eine Kennzeichnung. Flughöhe, -route, Baujahr und anderes könne auf Internetseiten abgerufen werden. Außerdem haben die Planespotter ein Netzwerk an Informanten aufgebaut. Denn militärische oder Flüge von Staatsoberhäuptern und Regierungsflugzeuge werden nicht angezeigt. "Es ist Glückssache, wenn man einen erwischt", so Grünholz.

Für seine Fotosafaris packt Grünholz neben seiner Kamera mit 70-300er-Zoomobjektiv mehrere Akkus ein, dazu eine Trittleiter, damit er nicht durch einen Zaun fotografieren muss, sein Handy, Kaffee und Proviant. Ein extremes Teleobjektiv braucht er nicht. "Wichtiger ist ein guter Standort und natürlich muss das Wetter passen." Über Google Maps sucht sich Grünholz die beste Position für ein Foto. "Da ist Nervenkitzel vorprogrammiert." Der Besucherhügel am Münchner Flughafen ist für Planespotter ungeeignet. Im Sommer herrsche von dort aus meist Gegenlicht. Sein Standort ist die Südbahn. In Oberpfaffenhofen gelingen bei Westwind die besten Fotos vom Gewerbegebiet an der Friedrichshafener Straße aus.

Seinen letzten Dauereinsatz vor der Corona-Krise hatte der Planespotter vor der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar vergangenen Jahres. Tagelang harrte Grünholz am Flughafen aus. Er erwischte militärische Boeing-Passagiervarianten der US Airforce, eine Iljuschin Il-96-300 der russischen Delegation, Jets der Staatsairline von Aserbaidschan und ein Airbus A340-500 der Delegation aus Kuwait.

Trotz der Einschränkung des Flugverkehrs gibt es auch jetzt Höhepunkte. Aus Asien kämen viele Cargo-Maschinen beladen mit Schutzmaterial und im Sommer gelang ihm in Frankfurt die Aufnahme einer McDonnell Douglas MD-11. "Das Arbeitstier der Lufthansa Cargo sollte schon außer Dienst gestellt werden, doch durch die Covid-19-Pandemie werden sie mehr gebraucht denn je." Auf seiner Wunschliste steht die 737 Max. Die Boeing hatte nach zwei Abstürzen zwei Jahre Flugverbot und soll bald in den europäischen Luftraum zurückkehren.

© SZ vom 01.02.2021/vewo
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