Wer heutzutage neue Kleidung kaufen will, der hat es einfach: Man wirft die alten Sachen weg und flaniert durch die Läden von Zara, H&M, C&A & Co., um gemäß der neuesten Trends shoppen zu gehen. Was zugespitzt klingt, ist längst Realität. Die Schnelllebigkeit unserer Zeit macht auch vor Mode keinen Halt. Doch im neuen Ladengeschäft von Michaela Sassenbach in der Münchner Frauenstraße soll das anders sein. Ihr eigenes Label hatte die Starnbergerin schon zuvor – jetzt gibt es auch den Flagship-Store dazu.
Das Konzept: Alle Teile sind eigens von der 64-Jährigen designt. Schneidern und produzieren lässt sie die Kleidungsstücke dann von ausgewählten Handwerkern in Deutschland. Die Devise lautet: möglichst kurze Wege, Produktion nur auf Bestellung. Über die Jahre hinweg hat sich Sassenbach ein Netzwerk von Händlern aufgebaut, welche die fertigen Klamotten dann in ihren Läden verkaufen. Mittlerweile wird ihre Mode in Deutschland, Österreich und der Schweiz angeboten. Das Konzept der Nachhaltigkeit endet auch nicht mit der Produktion: „Wenn ein Händler mal was zurückschickt, weil etwa ein Knopf abgegangen ist, dann wird der wieder angenäht. Das Produkt wird nicht weggeworfen“, erzählt Sassenbach, „sondern geht wieder zurück in den Verkauf.“ Das sei eher ungewöhnlich in der Modebranche, wo man schon eher mal das ganze Produkt entsorgen würde. Doch Container mit Wegwerfware sind keine Option für Sassenbach.
Der Hang zur Nachhaltigkeit sei kein Trend, den ihr der Zeitgeist übergestülpt hat – vielmehr lebe sie diese Einstellung schon über Jahrzehnte, sagt Sassenbach: „Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der man noch achtsamer mit Dingen umgegangen ist.“ Wer Mode trägt und schön sein will, müsse eben auch achtsam mit schönen Dingen umgehen. Denn nur selten würde die Kleidung ihre Funktionalität verlieren: „Ich trage immer noch alte Kleidungsstücke. Die sind aktuell, weil sie zeitlos sind.“
Sassenbach hat versucht, diese Einstellung auch an ihre drei Kinder weiterzugeben. Insbesondere bei ihrer Tochter hat das funktioniert: Helena Sassenbach arbeitet aktiv im Laden mit und erinnert sich noch gut an ihre Jugend, in der sie – wie wohl jeder in dem Alter – begeistert das Online-Shoppen entdeckt hat. „Ich habe viel bestellt. Immer wieder dieselben Produkte“, erzählt die heute 24-Jährige. Besonders angetan hatten es ihr Streifenshirts in allen möglichen Variationen: mit Ärmel, ohne Ärmel, mit Rundhals- oder V-Ausschnitt. Von der Mama darauf hingewiesen, dass man doch wohl kaum so viele Streifenshirts benötige, kam das Umdenken. Heute bestehe ihr Kleiderschrank zum Großteil aus Sachen von der Mama. „Letztens kam Helena mit einem Kleid um die Ecke, das habe ich getragen, da war sie noch zwei“, erzählt Sassenbach.

Doch auch Nachhaltigkeit hat ihren Preis. Im „Sassenbach“ kostet ein T-Shirt gerne mal 159 Euro, eine Hose bis zu 250 Euro. Die Preise seien alle sauber kalkuliert, sodass jeder in der Leistungskette gut davon leben könne. „Viele Designer bekannter Marken drücken die Preise von Stoffen und Produktion extrem herunter. Das finde ich nicht in Ordnung“, begründet Sassenbach ihre Preispolitik. Die Erwartung, dass Mode nichts kosten darf, führe zu unfairen Verhältnissen in der Modebranche. Überhaupt sei es immer schwieriger geworden, noch vernünftige Produzenten zu finden, nachdem viele wegen der schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen aufgehört hätten. „Inzwischen muss man sich immer wieder durchfragen, um überhaupt noch jemand Passenden zu finden.“ Wenn alles zu fairen Bedingungen hergestellt würde, habe am Ende jedoch auch der Kunde mehr davon, denn so sei das gute Stück Kleidung viel länger tragbar.
Für Sassenbach ist aber auch klar: Nicht alles an „Fast Fashion“ und Ketten wie Zara und H&M ist schlecht. Sie selbst gehe da auch gerne mal rein und lasse sich inspirieren. „Ich schaue schon fast neidvoll auf die junge Gesellschaft und ihre Möglichkeiten, sich einzukleiden“, erzählt Sassenbach und erinnert sich an ihre Jugend in Starnberg, wo es kaum Möglichkeiten der modischen Versorgung gab. Als in den Neunzigerjahren der erste H&M in München eröffnet wurde, war die Freude groß: „Das war wie ein Fest!“ Kritisch sieht sie jedoch, dass zu häufig neue Impulse und Trends gesetzt würden. Bei der Kaufentscheidung solle man lieber davon absehen, diesen zu folgen, sondern „ganz bei sich bleiben“.
Mit dieser Einstellung wollen Mutter und Tochter auch an ihrer nächsten Kollektion arbeiten. Und auch, wenn Tochter Helena ab und zu mal andere Marken kauft, hat es doch einen großen Vorteil, eine Mutter aus der Modebranche zu haben: „Wenn ich mal etwas ganz Bestimmtes brauche“, sagt Helena, „dann designen wir uns das in der nächsten Kollektion.“

