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Mitten in Starnberg:Man gönnt sich ja sonst nichts

Viele Menschen haben während der Pandemie Bewegung an der frischen Luft für sich entdeckt - aber offenbar auch ihre Lust auf Süßes

Glosse von Astrid Becker

Manchmal muss man die Menschen für ihre Weitsicht bewundern. Also gemeint sind damit keineswegs Politiker, sondern die ganz normalen Leute in diesem Land. Wobei man über die Frage, was unter normal in diesen Zeiten verstanden wird, streiten könnte. Aber darum geht es hier nicht, sondern um Weitsicht. Nehmen wir doch mal all diejenigen, die im vergangenen Jahr im Lockdown die Bewegung an der frischen Luft für sich entdeckt haben. So gab es beispielsweise an Ostern kein Frühstück samt russischen Eiern und Osterschinken, sondern das Geld dafür wurde stattdessen in Jogginghosen investiert. Klar: Man will ja nicht mit einem unpassenden Outfit negativ auffallen.

Für Sportartikelhersteller war das großartig. Allerdings auch für die Süßwarenproduzenten. Laut Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) wurden 2020 acht Prozent mehr Knabbereien verschlungen, insgesamt 33,4 Kilo pro Kopf. Das sind, laut NGG, allein im Landkreis Starnberg 4600 Tonnen - davon 1300 Tonnen Schokolade, 760 Tonnen Knabberartikel und 610 Tonnen Eis. Oder umgerechnet auf jeden einzelnen Landkreisbürger ( und jede einzelne -bürgerin) 96 Tafeln Schokolade, 32 Tüten Chips und 60 Kugeln Eis.

Aber man gönnte sich im Lockdown ja sonst nichts. Außer mehr Bewegung. Und dafür braucht der Mensch nun einmal Energie, die er sich dann am besten in Form von Kohlenhydraten wieder einverleibt. Mit bösen Folgen für manche: Statt straffe Muskelpakete am Körper zu entdecken, sind da noch immer nur recht ausgeprägte Speckringe. Aber es besteht noch Hoffnung. Schließlich hat ja die Gartensaison begonnen: Beim Rasenmähen werden flugs 350 Kalorien pro Stunde verbraucht, beim Unkrautjäten knapp 300. Mit einer Stunde Gießen bekommt man noch einmal 100 Kalorien gut geschrieben. Da fällt die Tafel Schokolade am Abend mit 500 Kalorien doch kaum mehr ins Gewicht, oder? Außerdem ist es Pflanzen völlig egal, was man bei der Gartenarbeit trägt. Selbst wenn es eine kneifende Jogginghose ist. Und damit hat sich diese Investition in jedem Fall gelohnt.

© SZ vom 09.06.2021
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