bedeckt München 17°

Mitten in Starnberg:Der fiese Biss des toten Hechts

Tomaten sollen angeblich besonders gut gedeihen, wenn Reste eines Süßwasserfisches dazu getan werden. Dabei ist allerdings besondere Vorsicht geboten

Glosse von Ingrid Hügenell

Unsere Freundin L. hat einen naturnahen, insektenfreundlichen Garten. Das habe aber, so pflegt sie zu sagen, den Nachteil, dass einem beim Jäten dauernd die Insekten im Gesicht herumflögen. Manche stechen auch, fiese, kleine Mücken gibt es da. Das zeigt schon, dass Gartenarbeit oft nicht ganz ungefährlich ist. Nun aber ist sie bei der Gartenarbeit von einem Hecht gebissen worden. Von einem toten Hecht. L. hat einen Gartenteich, ach was, eher eine Pfütze. Darin leben jedoch keine Fische, nur Molche und Libellenlarven. Der Hecht hätte in der Pfütze kaum Platz gehabt.

Er kam anders in den Garten, als Experiment. Denn L. bekam vor Jahren ein Buch geschenkt mit dem Titel "Altes Gärtnerwissen". Darin fand sie den Tipp, die Tomaten zu düngen, indem man unten in den Pflanzkasten einen toten Süßwasserfisch legt. Seltsame Idee, dachte sie. Aber gut, wenn die Alten das so gemacht haben ... Die Idee wurde nie ganz vergessen, und im vorigen Herbst bekam Ls. Familie einen tiefgefrorenen Hecht geschenkt, von einem befreundeten Angler. Aus dem Fleisch wurden Hechtklößchen, Kopf, Flossen und Hauptgräte wieder eingefroren. Und im Mai, als es Zeit wurde, die Tomaten zu pflanzen, abermals aufgetaut.

Flossen, Gräte und Schwanz waren schnell in einem großen Pflanztrog platziert, zu Füßen von drei hübschen Tomatenstauden. Der große Kopf mit den Augen, die immer noch wachsam blickten, sollte im Hochbeet vergraben werden, bei einer Wildtomatenstaude. Weil das Hechthaupt aber riesig war, wollte L. es teilen. Und damit die Gartenhandschuhe hinterher nicht nach Fisch stinken, zog L. sie aus. Umsichtig, aber unklug.

Dann fasste sie dem zweimal gefrorenen und wieder aufgetauten Raubfisch ins Maul - und zog. Schwerer Fehler. Die Zähne, noch immer messerscharf, drangen in beide Daumen ein. Es hat sehr stark geblutet. (L. sagt, "wie die Sau", aber das sollte man in der Zeitung eher nicht schreiben). Und die Naturgärtnerin weiß jetzt auch, was Angler immer schon wissen: Hechten sollte man nicht ins Maul fassen, weder lebendigen noch toten. Ob die Tomaten wirklich besser wachsen als sonst? Man wird sehen.

© SZ vom 21.06.2021
Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB