Mitten in GautingLebendiger Friedhof

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Warum als Berufswunsch Influencer angeben, wenn auch das Ausrechnen von Friedhofsgebühren einen Heidenspaß machen kann?

Glosse von Michael Berzl

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Lokomotivführer und Astronaut dürften als Traumberufe wohl schon etwas angestaubt sein. Heute dürften Jugendliche eher Youtuber oder Influencerin werden wollen, in Gauting wohl gern auch Germany's next Topmodel oder Vorstandsvorsitzender in einem Dax-Konzern. Dass in ganz anderen, zunächst eher unattraktiv erscheinenden Professionen ebenfalls Erfüllungen zu finden ist, ahnt ja keiner, war aber jüngst in Gauting zu erleben, als die Mitarbeiterin einer Kommunalberatungsfirma den Gemeinderäten erklärt hat, wie und unter Zuhilfenahme welcher Grundlagen sie die Gebühren auf dem Friedhof neu berechnet hat und dabei zu Hochform aufgelaufen ist. Der Bericht der Juristin enthielt nicht nur interessante Zahlen sondern auch die eine oder andere neue Erkenntnis.

"Der Friedhof ist eine ganz lebendige Einrichtung", hat etwa die Expertin festgestellt und sie versicherte den Kommunalpolitikern: "Das ist eine extrem langlebige Einrichtung". Nun, tatsächlich gibt es den Gautinger Waldfriedhof schon seit mehr als 100 Jahren und er darf wohl, zumindest nach den Berechnungen der Fachfrau, hoffnungsfroh in die Zukunft blicken. Er scheint sogar zu haben, was Stadtplaner in Ortsmitten immer so gerne schaffen würden, nämlich "Aufenthaltsqualität". Mit großer Freude hat die Expertin für Ruhestätten nämlich festgestellt, dass Liegezeiten dort oft sogar verlängert werden. In ihren Worten: "Der Friedhof wird gern genutzt." Was will man mehr?

Insgesamt, so das Fazit der Gebührenspezialistin, "hat es total Spaß gemacht, den Friedhof zu kalkulieren." Welcher Vorstandsvorsitzende kann das schon am Ende eines mühsamen Arbeitstages behaupten? Wähle einen Beruf, den du liebst, und du brauchst keinen Tag in deinem Leben mehr zu arbeiten, sagt Konfuzius. Auf dem Heimweg hat die Referentin aus München wahrscheinlich eine alte Kassette mit Musik von Wolfgang Ambros eingelegt und lauthals mitgesungen: "Am Zentralfriedhof is' Stimmung, wia's sei Lebtoch no net wor."

© SZ vom 14.12.2020 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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