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Mitten  in der S-Bahn:Direkte Fahrt in die Taiga

Mit der S-Bahn fahren, heißt Abenteuer erleben

Von Wolfgang Prochaska

Es ist sehr erfreulich, wenn eine S-Bahn hin und wieder pünktlich ist - also wirklich pünktlich. Tolle Sache. Vor allem am Abend, wenn man am Bahnhof Nord in Starnberg wartet, um noch ein bisschen in die große Weltstadt München zu fahren - zum Schaufensterschauen, zum Leutegucken, zum Kinogehen. Man möchte am liebsten den ganzen Zug wegen seiner Pünktlichkeit umarmen und ja, warum nicht, küssen! Also schnell eingestiegen und ab geht's. Tatsächlich gibt es weder einen Stopp auf freier Strecke noch ist eine Weiche oder ein Signal außer Form. Die Technik funktioniert, als wäre die Strecke bis nach Pasing gerade eingeweiht. Selbst die Bäume fühlen sich stabil und fallen nicht um. Man ist so zufrieden!

In diese Zufriedenheit kommt wie aus heiterem Himmel die Durchsage, kurz nach dem der Zug Pasing verlassen hat: "Diese S-Bahn fährt direkt und ohne Halt zum Hauptbahnhof durch." Macht nichts, denkt sich der erfahrene Fahrgast, beginnt man den München-Ausflug halt ein bisschen früher. Seltsam ist nur, dass der Zug ständig das Gleis wechselt und an der Friedenheimer Brücke auf dem "Schleichgleis", wie die Bahner diesen einsamen Schienenstrang am Rande bezeichnen, dahin rumpelt. Und plötzlich ist nichts mehr von der Stammstrecke zu sehen, dennoch informiert eine ruhige Stimme: "Diese S-Bahn fährt direkt zum Hauptbahnhof." Es tauchen der Halt Heimeranplatz mit Blick auf die Garmischer Straße auf, es geht am Schlachthof vorbei, der Zug überquert auf der Braunauer Brücke die Isar, ja, es ist eine schöne Sightseeing-Tour.

Bloß wohin? Zwar heißt es nun: "Dieser Zug fährt direkt und ohne Halt zum Hauptbahnhof". Aber das glaubt inzwischen keiner der Fahrgäste mehr. Eine Frau ruft verzweifelt ins Handy: "Ich weiß nicht, wo wir sind, wir sind mitten in der Taiga!". Aber das ist nicht richtig, es stehen Häuser an der Strecke. Es schaut sehr nach Haidhausen aus - und da ist er, der Ostbahnhof! "Bitte rechts aussteigen", informiert eine freundliche Stimme und fügt hinzu: "Die Züge in die Innenstadt fahren auf den Gleisen gegenüber ab." Hoffentlich, denkt man sich.

© SZ vom 16.06.2016
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