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Mitten in der Region:Romantik aus Kunststoff

Mit Gartenpools und Springbrunnen versuchen sich Menschen in der Pandemie ein bisschen zu trösten

Kolumne Von Benjamin Emonts

Hach, die Brunnen, welch Glück dass es sie gibt. So viel Liebe und Sanftmut haben sie der Welt schon gegeben. Minnesänger ersangen sich in ihrem funkelnden Antlitz das Herz bezaubernder Schönheiten. Landstreicher, ja Taugenichtse zupften zu ihrem Plätschern ihre wohlgestimmten Geigen. Sogar ewige Jugend und Schönheit vermag der Brunnen als Quell des Lebens zu geben. Ja, manche versprechen gar ewige Liebe und Heirat, wenn man küssend Münzen in sie hineinwirft.

Heute, Jahrhunderte und Jahrtausende später, feiert der Brunnen eine Renaissance, auch wenn von seiner einstigen Romantik vieles verloren gegangen ist. Denn mitverantwortlich für seine Wiederkehr ist diese gefühllose Pandemie. Das ungestillte Fernweh, das der Mensch verspürt, versucht er mit allerlei Utensilien zu tilgen. Gartenliegen waren zeitweise ausverkauft, aufblasbare Pools schmücken inzwischen jeden zweiten Garten, wobei ihr grausamer Anblick für jeden Minnesänger ein Grund zum Selbsttode wäre. Sogar antike Mauern ziegeln sich die Menschen vor lauter Verzweiflung und Sehnsucht nach Orten wie Elba, Capri und Rom. Es wirkt so, als wollten sie sich den Süden nach Hause in den eigenen Garten holen.

Die neuartigen Springbrunnen, wie man sie nun vielerorts sieht, sind der nächste Trend, um den eigenen Schmerz zum Schweigen zu bringen. Auch sie erobern die Gärten schneller, als es die Minnesänger jemals mit den Frauenherzen vermochten. Im konkreten Fall kommt der Springbrunnen in einem braunen Karton mit Geschenkpapier eingewickelt. Er ist nicht aus Marmor oder verwaschenem Gestein, sondern aus schwarzem Kunststoff, bedeckt mit Solarzellen, drei Zentimeter hoch, zwölf Zentimeter breit. Einmal ausgepackt, weiß man erst nicht so recht, was man damit anfangen soll. Sobald jedoch der erste Sonnenstrahl auf ihn fällt, beginnt der Springbrunnen zu ächzen und zu röcheln, als wollte auch er sich dem Tode hingeben.

Es folgen ungläubige Blicke, verzweifelt, bangend. "Ich glaube, der will sofort ins Wasser", sagt eine und alle anderen nicken. In eine Feuerschale, die noch nie ein Feuer gesehen hat, wird also Wasser eingelassen, bis sie randvoll ist. Hier fühlt sich der Springbrunnen wohl. Die Sonne strahlt, das Wasser glitzert. Gleichmäßig spritzt es nach oben und kehrt plätschernd und Kreise ziehend wieder zurück. Bei Einbruch des Abends beobachtet man das Schauspiel mit Oliven und einem kalten Glas Wein auf der Terrasse. Das Gefühl ist tröstend und seltsam zugleich. So ist sie eben, die Romantik von heute.

© SZ vom 21.09.2020
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