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Mitten in der Region:Ein Lied: Mehr als tausend Worte

Mithören von Musik geht nicht, wenn das Gegenüber Stöpsel im Ohr hat. Wie soll man da dessen Stimmung erraten?

Glosse Von Nathalie Stenger

Wer hätte gedacht, dass der Erwerb von Airpods (diese kleinen, weißen Dinger im Ohr vieler junger Leute) die Kommunikation zweier Geschwister so grundlegend erschweren können? Die Autorin dieser Zeilen jedenfalls nicht. Das erheblich verkomplizierte Verständnis untereinander entspringt dabei aber nicht der fehlenden Unterhaltung - es wird nach wie vor gern und viel geredet -, sondern der mangelnden Grundeinschätzung der emotionalen Lage der Gesprächspartnerin.

Hat das kleine Schwesterherz im problematischen Alter von 17 Jahren ihren Gemütszustand mithilfe ihrer portablen Musikanlage bisher lautstark kundgetan, tut sie das mit den neuen Kopfhörern jetzt nicht mehr. Spielte sie Deutschrap mit dröhnendem Bass und fragwürdigen Texten, wollte man selbst zwar am liebsten das Haus verlassen, wusste aber gleichzeitig auch, dass sie gute Laune hatte. Oder zumindest keine schlechte, ein Ansprechen war also entspannt möglich. Liefen Melodien von Lana Del Ray oder andere melancholische Moll-Akkorde, hielt man sich besser zurück; das Leben war an diesem Tag wohl einfach nicht so der Brüller, ein gutes Essen musste her, als Basis für einen weiteren Dialog.

Und jetzt? Jegliches Mit- und durch die Blume-Hören war einmal, die Musikbox als Stimmungsbarometer taugt nichts mehr: Letztens wurde die kleine Schwester aus Versehen - man konnte ja nicht lauschen! - beim Podcasthören gestört. Eine brutal schlechte Idee war das, absolut nicht zu empfehlen. Nur: Wie soll man denn sonst erfahren, wie's so läuft?

Die einzige Möglichkeit scheint in der Zweiteilung der kabellosen Kopfhörer zu liegen. Einen Versuch ist es wert. Und so stehen sie da, große Schwester und kleine Schwester, mit jeweils einem Ding im Ohr, zum Beat nickend, schweigend. Gut geht's, man versteht sich. Ganz ohne Worte.

© SZ vom 09.11.2020

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