Die Stifte fliegen, das Seufzen laut und das Gemecker groß. Die Pflicht des Nachmittags: Hausaufgaben. Und mit ihnen gilt es, eine wichtige Entscheidung zu treffen, eine mit Tragweite, eine, die vielleicht sogar den Rest des Lebens bestimmt, zumindest aber das restliche Schuljahr. Soll der kleine Bruder den Hausaufgabengutschein nun einlösen oder nicht? Verschiedenste Familienmitglieder sprechen sich entschieden dagegen aus, "spar ihn dir doch auf", heißt es da, "die Schule ging doch gerade erst los", und "vielleicht hat mal jemand Geburtstag, dann möchtest du bestimmt nicht am Schreibtisch sitzen!" Man selbst versteht das Dilemma, löst man ihn ein, hat man einen freien, entspannten Nachmittag vor sich und kann das Wetter genießen. Wählt man den anderen Weg, so sitzt man da, vor drei Übungsblättern in Mathe, Deutsch und HSU und der Tag ist - so der Miene des Bruders nach zu urteilen - gelaufen.
Interessant an der ganzen Situation ist doch aber wahrlich, dass solche schwerwiegenden Entscheidungen nicht nur im Grundschulalter zu bewältigen sind. Im Prinzip ist das wie mit allen Gutscheinen oder dem Gehalt. Gibt man es aus oder packt man es zur Seite? Nüchtern betrachtet stellt sich also folgende Frage: Lebt man im Moment oder für eine sichere Zukunft? Ganz so drastisch mag es in diesem Fall wohl nicht sein, aber es zeichnen sich doch erste Charakterzüge für die kommenden Jahre ab.
Das Bruderherz ist jetzt langsam außer sich, die Schwester könne das nicht verstehen, er habe das Arbeitsheft im Klassenzimmer liegen lassen, selbst wenn er die Hausis machen wollen würde, könnte er es nicht, "und jetzt muss ich wieder eine Ecke abschneiden!" Eine Ecke von vier werde bei jedem Hausaufgabenvergessen von einem Stück Papier abgeschnitten, erklärt er auf Nachfrage, und sobald das Rechteck rund sei, müsse man Nachsitzen. Und das, so scheint es, geht gar nicht in der Grundschule! Dann macht sich auf einmal und ganz vorsichtig ein anderer Gedanke breit: Sind Hausaufgabengutscheine und abgeschnittene Ecken nicht irgendwo dasselbe? Bevor nun tatsächlich eine Krisensitzung in der Kernfamilie einberufen werden muss, kommt die rettende Idee. Man lässt sich ausnahmsweise die leere Arbeitsheftseite von einer befreundeten Grundschulmama schicken, druckt sie aus und hofft auf Kulanz vonseiten der Lehrkraft. Und hier ist sie, eine mögliche Antwort für schwierige Entscheidungen: Umwege gehen und anders machen, das wird schon.