Mitten in der RegionDer Fluch mit den Segenswünschen

Lesezeit: 1 Min.

Der Jahreswechsel bringt lästige Gepflogenheiten mit sich

Kolumne von Julia Putzger

SZ bei Google bevorzugen

Egal ob beim Wiedersehen mit den Kollegen am ersten Arbeitstag nach den Weihnachtsferien, an der Metzgertheke beim Bestellen des mittäglichen Leberkäses oder beim Winken über Nachbars Gartenzaun: Introvertierte und überhaupt alle, die die Dinge lieber ohne viel Geschwafel auf den Punkt bringen und nur wenige Worte verlieren, haben es derzeit schwer. Denn anstatt dass das Gegenüber kurz und knapp sein Anliegen vorbringt, wird man derzeit von alljährlichen Segenswünschen für das neue Jahr überschüttet. Das begann an Neujahr pünktlich um Mitternacht mit digitalen Kettenbriefen in diversen Messengern, die gespickt waren mit unzähligen Kleeblatt-, Sekt- und Feuerwerks-Emojis, und findet wohl hoffentlich spätestens im Sommer ein Ende, wenn auch der letzte Freund endlich einmal wieder Zeit für eine gemeinsame Tasse Kaffee hatte und sich doch noch ein etwas verspäteter Neujahrsglückwunsch über seine Lippen schlich.

In diesem Jahr aber scheint die Glückwunschmanie noch unzähmbarere Ausmaße angenommen zu haben. Denn nicht nur zum neuen Jahr, sondern sogar zum neuen Jahrzehnt kann man sich heuer gegenseitig das Allerbeste wünschen. Außerdem ist die Zahlenkombination 2020 natürlich für grafische Spielereien und kreative Glückwunschkarten bestens geeignet. Zum Glück gebietet wenigstens das journalistische Schreiben gewisse Verhaltensregeln - Neujahrswünsche am Textanfang sollten einem jeden darum zum Glück erspart bleiben.

Generell, das muss man schon sagen, ist gegen Neujahrswünsche ja nichts einzuwenden; und kommen sie von Herzen, können sie durchaus erfreuen. Aber warum muss im Januar jede Unterhaltung und Veranstaltung mit einer gefühlten Ewigkeit von halbherzig aufgesagten Phrasen beginnen? Besser wäre es doch, man würde diese ebenso schnell vergessen wie die an Silvester eilig gefassten Neujahrsvorsätze - am besten also schon nach dem Katerfrühstück an Neujahr.

© SZ vom 10.01.2020 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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