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Mitten in der Region:Das Ich hinterm Sticker

Zeig mir den Aufkleber auf Deinem Auto und ich sag Dir, wer Du bist - funktioniert das wirklich?

Sag mir, was für Aufkleber auf Deinem Auto pappen, und ich sage Dir, wer Du bist. Geht das? Die Probe aufs Exempel wird gemacht. Beim Autofahren, beim Warten an Ampeln, im Stau. Also: Da hat einer - übrigens besonders beliebt bei Autofahrern, die mal einen Urlaub in Skandinavien verbracht haben - einen schwarzen, laufenden Elch aufgeklebt. Man stellt sich vor, dass der Fahrer etwas mit Outdoor am Hut haben, vielleicht ein lässiges Karohemd tragen könnte. Nein, tut er nicht, hat auch keinen Wildererbart. Dafür aber eine khakifarbene Kappe. Ha, der Elch! Das passt schon.

Dass der Fahrer mit dem roten "Mia-san-mia-Aufkleber" kaum ein Sechzger-Fan sein kann, versteht sich von selbst. Ist übrigens eine Fahrerin. Ob Kevin wirklich an Bord ist, wie das Baby im hellblauen Strampelanzug und mit farblich passendem Nuckel im Mund suggeriert? Tatsächlich sitzt im Kindersitz hinten ein Junge. Wirklich blond und durchaus Macaulay Culkin ähnlich, der im Film "Kevin allein zu Haus" den Kevin spielte. Ein Baby ist er allerdings nicht mehr. Da braucht's unbedingt einen neuen Aufkleber.

Auf einer anderen Heckscheibe kleben zwei Hexen auf ihren Besen. Mhm, was sagt das aus? Das Auto wird abwechselnd gefahren von zwei Frauen, die zaubern können? So aussehen wie ... ? Entschuldigung. Magische Kräfte jedenfalls hat der junge Herr nicht, der da am Steuer sitzt - sonst könnte er ja wohl den Stau weghexen oder ihn zumindest überfliegen. Und wer verbirgt sich hinter dem Automotto "Hetzt mich nicht"? Unabhängig davon, dass es an diesem Tag auf dem Mittleren Ring eh nicht vorwärts geht, wird der ältere Fahrer mit Bart und Hut seinem Slogan gerecht. Sehr gemütlich schaut er aus, pafft sein Pfeifchen und lächelt, als man zuckelnd an ihm vorbei fährt.

Aber dann steht da "Fuck you Greta!" auf einem großen SUV. Aha! Ein Klimawandelverweigerer. Plötzlich steht man Fenster an Fenster. Der Fahrer sieht aus wie ein glühender Verfechter der Siebzigerjahre-Hippiebewegung, mit bunter Wollmütze, Ohrring und raucht filterlos. "Was gegen Greta?", fragt die Nachbarin. "Nein, überhaupt nicht." Ja, aber der Aufkleber? "Peinlich, ich weiß", sagt der junge Mann und pafft ein paar Rauchkringel in die Luft. "Das Auto ist nur ausgeliehen!"

© SZ vom 20.01.2020
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