bedeckt München

Mitten in der Region:Bäumchen, sprich zu mir

Sollten alle Versuche scheitern, neue oder alte Kontakte zu avisieren, bleibt der Blick ins Grüne

Kolumne von Thilo Schröder

Wenn das öffentliche Leben ruht und Besuche und Verabredungen untersagt sind, ausgenommen innerhalb der Familie und zwischen (getrennt lebenden) Pärchen, leiden manche Bevölkerungsgruppen besonders darunter. Denn viele Menschen leben in Single-Haushalten, gewollt oder ungewollt. Andere sind alleinerziehend, ebenfalls gewollt oder ungewollt. Wer keine Verwandten in der Nähe hat, oder zumindest im Falle von Alleinerziehenden niemand Gleichaltrigen, bei dem kann schon mal die Einsamkeit Einzug erhalten.

So mancher einsam daheim Eingesperrte nutzt die Corona-Zeit, um alte Freundschaften per Videochat oder täglichem Telefonanruf aufzufrischen. Es lohnt sich nun, Rufnummern mit präzisen Angaben zur Person eingespeichert zu haben, besonders bei Namensdeckung gleich mehrerer Kontakte. Andernfalls könnten derlei Reaktivierungsanrufe skurrile Züge annehmen.

Was natürlich auch weiter möglich ist: Online-Dating. Zwar kann sich nicht kurzfristig im Café verabredet werden. Aber viele warten im Internet ohnehin lieber etwas länger, bis sie sich sicher sind, das Gegenüber auch im realen Leben treffen zu wollen. Und wer mit dem digitalen Kennenlernweg bislang fremdelte, hat jetzt die - hoffentlich einmalige - Gelegenheit, ihn ganz entspannt auszuprobieren. Im schlimmsten Fall schreibt man halt abschließend eher vage: "Vielleicht sehen wir uns ja dann nach Corona, irgendwann." Und hofft, dass der andere es in der Zwischenzeit vergisst.

Sollten alle Versuche scheitern, neue oder alte Kontakte zu avisieren, sollten noch nicht einmal die Nachbarn von gegenüber offen für ein Pläuschchen von Gardine zu Gardine, von Balkon zu Balkon, von Gartenzaun zu Gartenzaun sein. Dann bleibt vermutlich nur noch ein Gesprächspartner: die Zimmerpflanze. Also, Bäumchen, sprich zu mir.

© SZ vom 14.04.2020
Zur SZ-Startseite