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Mitten in Andechs:Tierische Wanderung

Anders als viele Menschen haben Kühe das "Carpe-Diem"-Prinzip schon vor der Pandemie für sich entdeckt

Glosse von Astrid Becker

Die Pandemie hat ja bei manchen Menschen Ungeheuerliches ausgelöst: diejenigen, die v. C. - also "vor Corona" -, ihre freie Zeit am liebsten auf der Couch lümmelnd verbracht hatten, entdeckten plötzlich Spazierengehen und Joggen für sich. Wieder andere, die bislang ein Radieserl nicht von Petersilie unterscheiden konnten, pflanzten wie wild Gemüse an. Wer bisher unter Kochen verstand, eine Tiefkühlpizza ins Backrohr zu schieben, versuchte sich immerhin mal an Spaghetti mit selbstgemachter Tomatensauce. Weitere Beispiele für diesen Wandel gäbe es noch genug. Gemein ist ihnen allen eines: der Versuch, die durch lange fehlende Ablenkung, etwa im Wirtshaus oder im Kino, gewonnene Zeit einigermaßen sinnvoll zu nutzen. Und zwar am besten jetzt und sofort. Also das "Carpe-Diem-Prinzip" zu leben, wovon einst schon Horaz schrieb, was bislang, also v. C., womöglich weder den Couchpotatoe noch den Tiefkühlpizzafreak groß interessiert haben dürfte.

Bei Tieren ist es anders: Sie beherrschen diese Denke per se meisterhaft und brauchen dafür auch keine Pandemie. Auch für diese These gäbe es unzählig viele Beispiele. Das jüngste aber dürften die Kühe eines Andechsers sein. Die beschlossen, den Tag, laut Polizei war es der Mittwoch, für einen Ortswechsel zu nutzen und spazierten vom Heiligen Berg hinab Richtung See. Ob sie vorhatten, dort ein Bad zu nehmen (in Andalusien regelmäßig zu beobachten), ist freilich unklar. So weit kamen sie auch gar nicht, weil sie in der Strittholzstraße einem Menschen auffielen, der gleich die Herrschinger Polizei alarmierte - was die Kühe nicht bemerkten. Nur den Regen, der plötzlich auf ihre Köpfe prasselte. Was der Zweibeiner nicht recht schätzt, könnte auch für wiederkäuende Vierbeiner gelten - denn die Tiere suchten Schutz vor den Tropfen unter einem Baum in einem Garten in der Edelweißstraße. Die Idee war aus tierischer Sicht nicht so gut: Denn dort wurden sie von ihrem Besitzer abgeholt und wieder nach Hause gebracht. Ausflug beendet, alles wieder wie gehabt. Fragt sich jetzt nur, was diese Geschichte uns neuen Carpe-Diem-Zweibeinern sagen will.

© SZ vom 07.05.2021
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