Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren, hat Karl Lagerfeld mal gesagt. Nun, des Modeschöpfers Urteil über das schlabbernde Beinkleid verwundert nicht, wenn auch die Konsequenz vom Kontrollverlust ein wenig drastisch daherkommt. In diesen Zeiten, die der Schöpfer des Werturteils nicht mehr miterlebt, ist es sogar geboten, ein Lob auf die Jogginghose zu singen. Steht sie doch für alles, was mit den Beschreibungen sportlich, locker, leger und vor allem bequem einhergeht.
Mit dem großen Auftritt hat die Jogginghose naturgemäß nichts am Hut. Das ist Roben, Designerkleidern und dem ganzen Bling-Bling vorbehalten. Doch all das braucht man in Corona-Zeiten nicht mehr. Es gibt keine Termine, wo man einen Anzug oder einen schicken Zweiteiler, ein luftiges Kleid oder ein elegantes Kostüm ausführen könnte. Es gibt beinahe nicht mal mehr Termine, um eine stinknormale Jeans zu tragen. Und so sind wir im Lagerfeldschen Sinne auf bestem Wege, zu Hause in unseren Jogginghosen, Gymnastikpants oder Leggings modisch zu verwahrlosen.
Oder auch nicht: Denn zum einen hat selbst die streng stilbewusste Anna Wintour, seit einer gefühlten Ewigkeit Chefin der US-Ausgabe der Zeitschrift Vogue, sich nun erstmals im Leben in Jogginghosen gezeigt. Zum anderen geht damit längst schon wieder ein neuer Trend einher, der sich Athleisure nennt und Fitnesskleidung meint, die ebenso modisch wie alltagstauglich ist. Es ist ein Trend, der in außergewöhnlichen Zeiten wie diesen besonders nützliche Dienste leistet im neuen Büroalltag der Home-Offices, in denen zuhauf auch in Unternehmen der hiesigen Region gearbeitet wird. Jogginghosen und andere sportliche Beinkleider schmiegen sich wunderbar an, ermöglichen stundenlanges Verharren vor dem Bildschirm, sogar im Schneidersitz. In Jogginghosen zwickt nichts, da knittert nichts. Und videokonferenztauglich sind sie auch. Denn für die anderen Teilnehmer ist nur die richtige Konfektion des Oberhemds zu sehen. Untenrum, das bleibt ein Geheimnis.