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Mitten im Fünfseenland:Overdress am Bauzaun

Was eine Herrschinger Firma für medizinische Hanfprodukte mit einem Neubau in Starnberg samt goldenem Dach gemeinsam haben

Kolumne von Peter Haacke

Deutsche Sprache, schwere Sprache: Ein Satz wie in Stein gemeißelt, der die besondere Herausforderung, aber auch die Abneigung anerkennt, die dem Ruf der am meisten gesprochenen Muttersprache Europas wie Pesthauch vorauseilt. Allerdings muss man auch zugeben: Das Sprichwort hat seine Berechtigung. Im Gegensatz zum Englischen, was als cool, modern und sexy gilt, ist unsere Sprache nicht nur seltsam, sondern manchmal sogar recht widersprüchlich. Hinzu kommen Feinheiten wie Zeichensetzung, Trennung, Groß- und Kleinschreibung, die einem Satz eine völlig andere Bedeutung geben.

Man nehme etwa die Aussage: "Es ist schwierig für Männer, eine Lösung zu finden." Durch Verschieben des Kommas ergibt sich: "Es ist schwierig, für Männer eine Lösung zu finden." Richtig kompliziert kann es mit der, die oder das werden: Die Sinntiefe unterschiedlicher Artikel entfaltet sich etwa beim Wort "Band" vollends mit Bildung des jeweiligen Plurals. Damit nicht genug. Deutsch erlaubt XXXL-Wörter wie Rindfleischettikierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz, Verkehrsinfrastrukturfinanzierungsgesellschaft oder Donaudampfschiff-fahrtselektrizitätenhauptbetriebswerkbauunterbeamtengesellschaft. Engländer tun sich da leichter. Sie würden letztgenanntes Wortungeheuer, das im Übrigen den Österreichern zugeschrieben wird, einfach zerlegen mit "Association for Subordinate Officials of the Main Maintenance Building of the Danube Steam Shipping Electrical Services".

Allerdings hat sich im deutschen Sprachgebrauch eine schier unüberschaubare Menge an Anglizismen eingeschlichen, die Muttersprachlern nur allzu oft sauer aufstößt: Aus einer Besprechung wird ein Meeting, aus einer Infoveranstaltung eine Roadshow, ein böser Bube ist ein Gangster, und wer anbandeln mag, der flirtet. Schön auch folgender Satz: "Highlight des Integrationsworkshops ,Deutsch' ist Learning by Doing durch Coaching von City-Sightseeing mit Shopping-Event."

Längst hat Englisch auch in Oberbayern Einzug in den Sprachgebrauch gehalten wie der Laubholzbockkäfer in heimische Wälder: Eine Firma in Herrsching, die medizinische Hanfprodukte vertreibt, wirbt nicht etwa mit "bayerischem Gras", sondern mit "bavarian weed". Ein Hotel in Seeshaupt nennt sich "The Starnbergsee Hideaway", in Tutzing gibt's das "Seaside". In Starnberg indes setzt eine Immobilienfirma, die aus einem abrissreifen Gebäude ein "Kanonenhaus"-Kunstwerk machte, dem geplanten Neubau nicht nur ein goldfarbenes Dach, sondern zugleich ein paar sprachliche Highlights auf: "The chorus of lake and city", "The private side of Starnberg" und "Founded for the few" ist dort am Bauzaun zu lesen. Aber so ist Starnberg nun mal: vermeintlich chic, charmy und stylish. Aber leider immer auch etwas overdressed, spooky und uncool.

© SZ vom 23.11.2020
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